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Ein Jahr lang Kryptowährungen

Es gibt Veränderungen persönlicher Lebensgewohnheiten, die lassen sich gut an einem gewissen Zeitpunkt festmachen. Bei mir gab es vor ziemlich genau einem Jahr eine solche Veränderung. Im Mai 2017 war ich mal wieder bei einem Nürnberger Big Data Meetup, diesmal zum Thema Blockchain und Kryptowährungen. Bis dato hatte ich diese Begriffe zwar schon mal an der einen oder anderen Stelle gehört, aber soweit keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Das sollte sich an bzw. nach diesem Abend grundlegend ändern.

Dank des sehr anschaulichen Vortrags wurde mir schnell klar, dass hier die Informatik (mal wieder) etwas grundlegend Neues auf die Welt gebracht hatte, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft, geschweige denn absehbar ist. Zwar war das Ursprungspaper bereits im letzten Jahrzehnt veröffentlicht worden und der Bitcoin bereits seit 2009 „live“, doch waren Bekanntheit und Verbreitung bisher eher als gering anzusehen – auch wenn natürlich andererseits der Preis über die Jahre bereits einen beachtlichen Anstieg hingelegt hatte.

Denn, keine Frage, neben aller Technologiebegeisterung lockten natürlich auch mich wie so viele die potentiellen Spekulationsgewinne, gepaart mit der Überzeugung, dass man Bitcoin nur dann richtig verstehen kann, wenn man selbst eigenes Geld investiert. An diesem Abend im Mai stand der Kurs bei ca. 1.650 Euro und einige „Early Adoptors“ klagten bereits über die hohen Transaktionsgebühren bzw. die langen Bestätigungszeiten. So stellte sich schnell die Frage: „Lohnt es sich überhaupt noch, zu investieren? Oder haben wir die Welle bereits verpasst?“ Auch wenn die Meinungen der Big Data Meetup Teilnehmer hier ein wenig auseinandergingen, überwog jedoch die allgemeine Überzeugung, dass außerhalb dieses Kreises noch einiges an Potential liegt und wir uns daher noch ziemlich am Anfang der Entwicklung befinden.

Als einfachster und einigermaßen vertrauensvoller Weg, meine ersten Bitcoins zu erwerben, erschien mir bitcoin.de in Kombination mit der Fidor Bank. Allein in der knappen Woche, die ich für die Kontoeröffnung bzw. die Überweisung benötigte, war der Kurs um weitere 150 Euro bzw. 10% gestiegen. Langsam machte sich etwas FOMO breit, aber dann war es endlich soweit und so war ich Ende Mai stolzer Besitzer meines ersten halben Bitcoin. Über die nächsten Wochen habe ich dann noch ein wenig nachgekauft, wollte aber auch ein wenig streuen und so fiel meine Wahl auf Ethereum und Litecoin. Der Einfachheit halber habe ich mich hier für anycoindirect entschieden, die Apotheke unter den Exchanges, bei der gerne mal ein 10% Aufschlag fällig wird – aber was ist das schon in der Welt der Kryptowährungen…

Im August 2017 stand dann der erste Hardfork der Bitcoin Blockchain an und Bitcoin Cash wurde erschaffen. Für jeden Bitcoin (BTC) gab es nun zusätzlich einen Bitcoin Cash (BCH), praktisch Geld aus dem Nichts oder eben wie eine Art Dividende. Während jedoch BCH nach kurzem Hype bei ca. $300 stagnierte, stieg der Bitcoin immer weiter. Kurse, wie z.B. $5000, die vor kurzem noch utopisch klangen, waren plötzlich „normal“.

Informationsüberfluss und Kryptowährungsexperten

Über die nächsten Wochen war die ganze Thematik rund um Blockchain und Kryptogeld zu einem festen Teil meines Alltags geworden. Zum einen schaute ich zahlreiche Youtube Videos, wo die selbsternannten „Kryptoexperten“ im Zuge des Bitcoin Booms wie Pilze aus dem Boden schossen. Wer sich hier eine Weile umschaut, lernt allerdings schnell, die Spreu vom Weizen zu trennen, insbesondere ist Vorsicht geboten, wenn versucht wird, über Gewinnspiele die Klickzahlen nach oben zu treiben. Mehr oder weniger regelmäßig verfolge ich bis heute die Videos vom Bitcoin Informant (Enthusiast), von Ivan on Tech (Programmierer), von Julian Hosp (Kryptounternehmer) und Andreas Antonopoulos (Visionär). Daneben gibt es einige informative Grundlagenvideos, z.B. Dash 101.

Zum anderen verbrachte ich (in Summe) einiges an Zeit damit, mehrmals täglich die aktuellen Kurse auf coinmarketcap oder in meiner Blockfolio App zu checken. Standen die Zeichen auf „grün“, fühlte ich mich gut, an roten Tagen eher weniger. Eigentlich ziemlich sinnfrei, aber wohl menschlich, zumal ich mir fest vorgenommen hatte, aus Überzeugung an die Technologie langfristig zu investieren (HODL). Zum einen habe ich nur Geld investiert, dessen Verlust ich im schlimmsten Fall ohne Problem verkraften kann, zum anderen habe ich für mich selbst entschieden, dass ich mich darüber letztendlich weniger ärgern würde, als mir rückblickend einmal vorwerfen zu müssen, nicht dabei gewesen zu sein.

Doch nicht nur online kann man sich über die Kryptowelt informieren. Fast in jeder größeren Stadt, gibt es lokale Gruppen, die sich zum persönlichen Austausch treffen oder Vorträge organisieren. So bin ich auf das Bitcoin Franken Meetup aufmerksam geworden, welches bereits seit dem Jahr 2013 besteht und in dessen Rahmen sich ca. zweimal im Monat wechselnd in Nürnberg sowie in Fürth langjährige Kenner und Interessierte treffen. Bei meinem ersten Treffen im Oktober 2017 passte die Gruppe noch um einen größeren Sofatisch, wenig später mussten wir schon in einen Nebenraum ausweichen. Zu Top-Zeiten Anfang des Jahres dürften es so ca. 30 Teilnehmer gewesen sein, aktuell hat es – wie die Marktkapitalisierung – wieder etwas abgenommen.

Ganz andere Menschenmengen, laut Zeitung einige Hundert, fanden sich im Januar zur CryptoNight in München zusammen und scheuten dafür auch nicht, stolze 25 Euro für den Einlass zu entrichten. Da ich es logistisch gut verbinden konnte und Julian Hosp einfach mal live erleben wollte, war es auch mir die Sache wert. Rückblickend ein sehr gelungener Abend, auch wenn sich natürlich viele Teile auf Youtube finden, einschließlich der Antwort auf „meine“ Frage. Ein Blick durch die Zuhörer bestätigte, dass der gemeine Kryptowährungsinteressent bzw. – investor zum großen Teil männlich und mittleren Alters ist. Die meisten weiblichen Gäste, so zumindest mein Eindruck, waren eher als Begleitung anwesend. Abschließend habe ich dann noch ein handsigniertes Buch erstanden, welches ich bis heute jedem Interessierten als fundierte Einführung in die Thematik empfehle.

Nun könnte man auf solchen Veranstaltungen den Eindruck gewinnen, Bitcoin & Co. sind eigentlich schon so was wie Mainstream und ehrlich gesagt fühlte ich mich bei manchen Gesprächen mit meinen wenigen Monaten in der Szene als absoluter Anfänger. Frage ich jedoch in meinem sonstigen Umfeld, einschließlich den Kollegen aus der IT, haben die meisten zwar schon von Bitcoin gehört, aber die allerwenigsten selber investiert bzw. sich näher mit der Technologie beschäftigt. Bei den Alt-Coins oder bei aktuellen technischen Herausforderungen hört es dann sehr schnell auf. Dies zeigt, dass wir auch neun Jahre nach der Geburt des Bitcoin noch sehr am Anfang stehen, wenn es denn jemals gelingt, den Graben zur Massenadoption zu überspringen.

Bitcoins „speichern“ und ausgeben

Wer Bitcoin oder andere Kryptowährungen kauft, wird sich früher oder später mit der richtigen Aufbewahrung auseinandersetzen müssen. Letztendlich besitzt man ja nur einen (privaten) Schlüssel, d.h. eine Zeichenbuchstabenkombination, doch den gilt es, einerseits sicher, aber auch jederzeit einfach wiederauffindbar zu verwahren. Zunächst habe ich den einfachsten Weg gewählt und meine Coins einfach auf den Exchanges bzw. einigen Online-Wallets abgelegt. Im Dezember brachte mir der Weihnachtsmann einen Ledger, d.h. ein sogenanntes Hardware-Wallet, welches (neben dem Paperwallet) als derzeit sicherste Möglichkeit gilt und verschiedene Währungen verwalten kann. Dazu musste ich die Coins natürlich auf den Ledger transferieren, d.h. eine Transaktion durchführen. Zugegeben ist es da beim ersten Mal schon etwas spannend, ob auch alles auf der „anderen“ Seite ankommt…trust the system…

Darüber hinaus habe ich mir bereits im Herbst letzten Jahres ein Handywallet eingerichtet und trage seither einige zusätzliche Euros mit mir herum (mal mehr, mal weniger…). Leider halten sich die Akzeptanzstellen ja noch sehr in Grenzen, insbesondere in Deutschland, und so habe ich bisher leider noch keinen wirklichen Bezahlvorgang, d.h. Krypto gegen Ware, vornehmen können. Aber vielleicht ergibt sich ja auf der einen oder anderen Reise ins Ausland dazu Gelegenheit, schließlich entfällt somit ja schon mal die Notwendigkeit, Geld erst in Landeswährung tauschen zu müssen.

Wie geht es weiter?

Nach der Euphorie (bzw. der Übertreibung) kurz vor Weihnachten letzten Jahres ist ja nun erstmal so was wie Katerstimmung am Kryptomarkt eingekehrt. An optimistischen Prognosen wie auch eindringlichen Warnungen fehlt es nicht, doch letztendlich kann niemand die Zukunft vorhersagen. Ich habe an meinem grundlegenden Portfolio seit September nichts verändert und komme nun bald in die Situation, die ersten Positionen verkaufen zu können, ohne die Gewinne versteuern zu müssen. Doch wann oder warum sollte ich dies tun?

Natürlich glaube ich nicht, dass dezentrale Kryptowährungen die Etablierten auf absehbare Zukunft vollständig ersetzen werden. Aber eine Koexistenz halte ich für durchaus vorstellbar, auch jenseits des aktuellen am weitest verbreiteten Anwendungsfall als rein passive renditefreie Wertanlage (digitales Gold). Gerade für jemanden wie mich, der gerne mal nur mit Handy und ein paar Münzen in der Hosentasche aus dem Haus geht und dann plötzlich etwas kaufen möchte, wofür die mitgeführte Barschaft nicht ausreicht, wäre es gut, immer eine Reserve dabei zu haben. Darüber hinaus sehe ich großes Potential in Ländern mit großer Inflation bzw. bei Menschen ohne einfachen Zugang zum regulären Bankensystem. Ob Bitcoin hier nun letztendlich das Rennen machen wird, oder seinen „First Mover Advantage“, über die Zeit abnimmt, werden wir sehen. Wer streut, läuft weniger Gefahr auszurutschen.

Natürlich wäre es wohl aktuell im Nachhinein besser gewesen, den Rat einiger Bekannter befolgt zu haben, demnach ich zum Jahreswechsel hätte verkaufen und die Steuern in Kauf nehmen sollen (hätte, hätte, Blockchainkette…). Doch glaube ich nach wie vor an die Technologie, sehe die geringe bisherige Verbreitung und bin daher überzeugt, dass uns hier noch einige spannende Entwicklungen bevorstehen – und ich würde mich rückblickend sehr ärgern, nicht dabei gewesen zu sein. Mal schauen, wo wir zum Jahresende bzw. in einem Jahr um diese Zeit so stehen.

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Kategorien:Lebenserfahrung
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