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Flachsinn – Buchzusammenfassung

Nach dem Erfolg von Schwarmdumm habe ich mir auch das neueste Buch von Gunter Dueck zu Gemüte geführt und bin erneut sehr begeistert. In „Flachsinn – Ich habe Hirn, ich will hier raus“ widmet er sich unserer Kommunikationskultur in einer zunehmend vernetzten Welt, in der jeder mitreden, d.h. sich Gehör verschaffen kann, und zugleich in nie dagewesenem Ausmaß Zugang zu Daten über menschliches Verhalten erlangen kann. Im Kern geht es um unsere Aufmerksamkeit, genauer um deren Lenkung bzw. Ablenkung: „Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit, und die Daten helfen, mehr Aufmerksamkeit zu ernten.“ Wir leben in einer Welt des (Informations-) überflusses, in der andere um unsere Aufmerksamkeit kämpfen (meist um uns etwas zu verkaufen), und zugleich auch wir selbst mehr denn je Aufmerksamkeit auf uns ziehen müssen, um uns gegen andere durchzusetzen. Insgesamt wird die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer, weil wir uns ständig ablenken lassen, was nicht zuletzt dazu führt, dass das allgemeine Niveau sinkt und der Flachsinn floriert. Für Tiefsinn und gründliche Auseinandersetzung mit einem Thema fehlt meist die Zeit, weil schon wieder die nächste Attraktion wartet.

Gunter Dueck legt in seinem Buch drei Vorstellungsbilder zugrunde, um die Veränderungen zu veranschaulichen. Im Panopticon geht es um die Überwachung und Kontrolle, die sich früher durch starre Hierarchien und entsprechende Haltung (Fleiß, Gehorsam, Angepasstheit) manifestierte, und sich heute vielfach über Machtausübung durch moderne, automatisierte Überwachungsinstrumente (KPIs, Workflowsysteme) und Zahlengläubigkeit (im Sinne der Objektivität…) auswächst.

Demgegenüber steht als zweites Modell das Attracticon mit prinzipiell ähnlichem Aufbau, aber mit vertauschten Rollen und Zielen: Der Kunde steht in der Mitte, seine Blickrichtung kaum zu erkennen, und um ihn herum buhlen eine Vielzahl um seine Aufmerksamkeit, in allen Farben und Tönen sowie mit mehr oder weniger lauteren Absichten. Während es im Panopticon gefährlich sein kann, auffällig zu sein, ist es im Attracticon von Nachteil unauffällig zu sein. Jeder versucht aus der Masse herauszustechen, angesichts der Schnelllebigkeit und oft mangelnder Kompetenz ein idealer Nährboden für Flachsinn.

Um dieses Spiel zu optimieren, d.h. die Effizienz zu steigern, werden nun beide Seiten berechnend und es ergibt sich das dritte Vorstellungsbild: Das Analyticon. Es geht darum, den Menschen an Hand seines Verhaltens, d.h. seiner digitalen Spuren, zu berechnen, um optimierte Produkte anbieten zu können. Zugleich informiert sich der Kunde vor einer Kaufentscheidung über eine Vielzahl von Quellen, die ihm heutzutage per Mausklick zu Verfügung stehen.

Grundsätzlich wird dabei vor allem das als wichtig und bedeutend erachtet, was sich selbst auch so darstellen kann und beispielsweise viele „Likes“ auf sich zieht. Dies erfordert neue Kompetenzen, um einerseits sich selbst attraktiv darzustellen und ebenso zielsicher aus dem riesigen Informationsangebot das Wichtige herauszufinden. Gemäß dem Motto: Sei interessiert, sei interessant. Tradierte Autoritäten, die allein aufgrund ihres Amtes Aufmerksamkeit wollen, sind da eher ein Auslaufmodell. Vorrangig entscheidet jetzt der Empfänger, was beachtet wird, und weniger der Sender. Genau darin liegt der Übergang vom System Panopticon zum Attracticon.

Zudem erfordert die Geschwindigkeit der Veränderungen ständige Lern- bzw. Anpassungsbereitschaft. Viele besonders ältere Menschen tun sich damit schwer, doch es lässt sich nicht einfach aussitzen oder an die nächste Generation übergeben. Auch lässt die Dynamik wenig Zeit für Reife, tiefe Reflexion und Überführung neuer Ideen in geordnete Strukturen (z.B. Gesetze), so dass der Wildwest-Charakter bis heute an vielen Stellen des Internets erhalten ist. Im Gegenteil: Wir fordern heute knappe, exakte Information, am besten in leicht verdaulichen Häppchen, kurz und knackig, interessant, grell, bunt, gerne polarisierend – und schon geht es weiter. Für komplexe Sachverhalte hat keiner Zeit noch Muße, schnell steigt unsere Ungeduld.

Das Ringen um Aufmerksamkeit treibt uns in eine flachsinnige Ad-Hoc Kultur. Viele Werbetreibende scheinen sich die phatische Kommunikation in sozialen Netzwerken zum Vorbild zu nehmen. Während sie unter Freunden trotz ihrer Inhaltsleere durchaus ihren Zweck der sozialen Bindung erfüllt, wirkt sie von fremder bzw. kommerzieller Seite einfach nur nervig.

Wenn jeder alles sagen darf, sagen viele Leute ziemlich viel Seichtes, Dummes, Vorurteilsbelastetes oder Selbstorientiertes. Ein ernsthafter Diskurs lässt sich in einem zu offenen Kreis schwer führen, wenn die Diskutanten kommen und gehen, so wie es im Internet meist der Fall ist. Die Kommentarspalten der großen Zeitungen sind beste Beispiele (und werden daher zunehmend eingeschränkt). Die Welt ist voller Noobs, die absolut nichts dauerhaft lernen (wollen) und immer wieder neu aufgefrischt werden müssen (was ihnen ganz und gar nicht peinlich ist). Letztendlich nerven bzw. blockieren sie damit jedoch alle anderen, die tief im Thema stecken. Schlimmer noch, wenn dadurch das allgemeine Niveau sinkt, weil sich immer mehr anstecken lassen bzw. resignieren.

People Analytics

Vielen Leute ist auch heute noch ziemlich egal, was man im Netz so über sie findet bzw. sie versuchen, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. In Zeiten von Effizienzsteigerung in der Entscheidungsfindung z.B. bei Bewerbungen, Kreditzusagen oder Versicherungen, setzen viele Firmen zunehmend auf Algorithmen, die das Internet nach persönlichen Spuren des Bewerbers bzw. Antragstellers durchsuchen und relativ autonom zu- oder absagen. Auch Personalabteilugen scannen mittlerweile nicht nur die digitale Reputation von Bewerbern im Internet, sondern auch ihrer eigenen Mitarbeiter im Intranet. Im Analyticon geht es nicht darum, was man selbst für vorteilhaft erachtet, sondern vielmehr worauf die Algorithmen bzw. die Suchmaschinen achten. Neben dem Selbst- und dem Fremdbild, gibt es nun auch das Netzbild. Falscher Ehrgeiz bringt jedoch auch hier wieder jede Menge Flachsinniges ins Netz, sei es nur die künstliche Steigerung der Freunde/ Follower oder wahlloses Kommentieren bzw. andere Aktivitäten, nur um den (quantitativen) digitalen Footprint zu verbreitern. Für Webseiten gibt es zahlreiche legale (wie auch eher halb-legale) Tricks (SEO), um in den Ergebnislisten der Suchmaschinen bei vielen Suchbegriffen möglichst weit oben zu stehen, und damit nicht nur Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sondern ggf. auch Werbeerlöse zu generieren: „Suchmaschinenoptimierter Flachsinnsstil ist der Winner“.

Das Ende des Common Sense

Im Internet findet jeder zu seinen Interessen und Gesinnungen die passende Gruppe (Commnunity), für die es in seiner näheren physischen Umgebung kaum Gleichgesinnte geben mag. Von oben betrachtet führt die weltweite Vernetzung daher eher zu einer Fragmentierung als zu einer großen Gemeinschaft, die von vielen erhofft wurde. Der Vorstellung und damit dem Angebot sind (fast) keine Grenzen gesetzt. Das Gute kann sich entfalten, aber auch das Böse leicht verbreiten.

Jede Gruppe definiert ein Innen und ein Außen, und wir neigen dazu, unsere Gruppenmitglieder zu überhöhen und die da draußen pauschal zu erniedrigen, in der Regel in verbalen Auseinandersetzungen auf diversen Plattformen, wobei die Argumentationen schnell ins Flachsinnige und Polarisierende abdriften .Im realen Leben sind wir rücksichtsvoll und eher zu leise als zu laut, wir sind von Empathie, Teamgeist und Common Sense überzeugt. Aber wenn wir unsere Gegenüber persönlich kaum kennen und uns selbst anonym glauben, sind wir laut und lassen unterdrückten Bedürfnissen freien Lauf. Das Netz bietet heute dazu die Möglichkeit und macht es zudem für alle sichtbar. Welche Rückkopplungen werden sich daraus langfristig auf unser reales (Zusammen-)Leben ergeben, in dem Toleranz und Kompromiss(-bereitschaft) essentiell sind? Wir bilden uns Filterblasen und lassen nur noch Informationen an uns ran, die zu unserem Weltbild passen. Das gab es früher auch schon in gewissen Kreisen, z.B. bei Führungspersönlichkeiten mit Assistenten als Filter, wird aber heute durch soziale Netzwerke und Suchmaschinen im Internet für eine Vielzahl zur (gefühlten) Normalität.

Ebenso ist es nicht grundsätzlich neu, durch absichtliche Dummheiten, Gemeinheiten oder auch Randale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Waren diese Aktionen früher meist lokal begrenzt und meist auch schnell wieder vergessen, schafft das Netz eine weltweite Plattform, die fast alles protokolliert und damit diesem (Hang zum) Schmutz eine völlig neue Dimension gibt. Beispiele sind Cybermobbing, Trolle, Shitstorms, Hetze, Hass-Kommentare etc. Die Gewinnung von Aufmerksamkeit steht oft über dem eigentlichen Inhalt, was sachorientierte Diskussionen schnell abwürgt und dem Flachsinn freien Lauf lässt. Die eigentlich Sachkundigen wenden sich ab, die Masse schweigt ohnehin und die wenigen, die es lieben, sich im Schmutz zu suhlen, prägen das Bild. Viele sehen es einfach auch nur als Unterhaltung, ähnlich wie die zahlreichen Casting-Shows die seit einigen Jahren die TV Landschaft prägen und dem Motto „je extremer, desto besser“ zu folgen scheinen. Viele wenden sich kopfschüttelnd, aber schweigend ab, aber so lange die Quote stimmt, wird weitergemacht. Leider haben diese Shows auch Vorbildcharakter und tragen dazu bei, dass die Grenzen zur nicht mehr tolerierbaren Geschmacklosigkeit immer weiter verschoben werden. Von Verantwortung ist in den ganzen Schlammschlachten keine Rede, vielleicht eine der Hauptursachen, warum der Flachsinn so blüht. Es lässt sich ja auch prächtig damit Geld verdienen.

Cargo-Kulte und andere Aufmerksamkeitsstrategien

Bereits auf der re:publica 2016 hatte Gunter Dueck ausführlich über Cargo-Kulte referiert, eine anschauliche Metapher dafür, dass Leute glauben, durch gewisse (einfache) Handlungen, Verbesserungen herbeiführen zu können, obwohl sie in Wahrheit den Kern nicht verstanden haben. Cargo-Kulte sind Brutstätten des Flachsinns, bieten sich aber gleichzeitig wunderbar an, um Aufmerksamkeit zu generieren. Klassiker finden sich im Unternehmenskontext, wo z.B. das Thema Gesundheit in den Fokus rückt und dann unter Druck hektisch ein paar Vorschläge erarbeitet werden. Ohne Druck ist heute wegen permanenter Überlast nichts mehr wichtig und mit Druck kann das Ergebnis auch halber Murks sein, weil man ja eigentlich keine Zeit hatte. Für genaue Prüfung bleibt auch keine Zeit und die meisten Manager sind schon stolz und zufrieden, etwas angeschoben zu haben, über das jetzt viele reden. Natürlich ist es zunächst zu früh, um etwas über den Erfolg oder Misserfolg der ergriffenen Maßnahmen sagen zu können, doch bevor man mit dieser Ausrede nicht mehr durchkommt, wird lieber schnell die nächste Aktion hochgejubelt. Auf Gesundheit folgt beispielsweise Innovation mit „Design Thinking“. Natürlich hat sich während der Laufzeit ein bisschen was getan. Einzelne, die sich aufgerafft haben, um etwas in ihrem Leben zu verändern, werden als Helden der Arbeit herausgehoben, was vom Management als großer Triumph gefeiert wird, verbunden mit der festen Annahmen, dass alle anderen sich die Helden zum Vorbild nehmen. Zu einer wirklichen allgemeinen Veränderung auf breiter Basis kommt es aber meist nicht. Kritische Fragen zur Nachhaltigkeit sind meist unterwünscht, weil sie evtl. Handlungsbedarf hervorrufen würden und damit neue Baustellen aufreißen, für die keiner Zeit hat.

Grundsätzlich lassen sich verschiedene Arten von Maßnahmen unterscheiden: (1) Appelle, kosten fast nichts und werden daher inflationär verwendet, funktionieren allerdings nur dann, wenn wir uns von dem Appellierenden überhaupt etwas sagen lassen, besonders contra produktiv wirkt hier Selbstorientierung. Leider gibt es dann auch noch immer Zeitgenossen (besonders in Diskussionsforen im Internet), die etwas zu bemängeln haben und denen das Abwehren von Pluspunkten für andere weitaus wichtiger ist, als eigene gute Vorschläge (die sie meist ohnehin nicht haben).

Eine weitere beliebte Maßnahme sind (2) Leuchtturmprojekte, vor denen es sich besonders gut posieren lässt. Einen Schritt weiter gehen (3) Kampagnen, für die in der Regel Mittel bereitgestellt werden müssen, weil die Mitarbeiter konkret etwas tun müssen. Wenn auch Kampagnen nicht fruchten, wird in der nächsten Stufe (4) ein Programm aufgelegt, an dem sich alle beteiligen müssen bzw. das alle durchlaufen müssen. Oft werden aber auch hier nur neue Cargo Kulte kreiert, mit denen dann alle vergeblich auf den Erfolg warten. Leider geht es bei Programmen wie Kampagnen den Initiatoren oft primär darum, die Sache mit ihrem Namen zu verknüpfen, d.h. die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, mehr wollen sie gar nicht und fangen lieber schnell wieder etwas Neues an, bevor einer nach nachhaltigen Erfolgen fragt. Ähnliches geschieht im Beratungs- und Konferenzumfeld, in dem teure, aber nahezu wirkungslose Nachhilfestunden in Hype-Themen als sehr einträgliches Geschäftsmodell entwickelt haben, zudem ohne jede weitere Verantwortung für dadurch generierte neue Umsätze bei den Teilnehmern.

Wird von außen etwas kritisch hinterfragt oder gar Veränderungsvorschläge geäußert, so werden von Verantwortlichen gerne Blendgranaten geworfen. Weit verbreitet ist „Wir sind dran und bitten angesichts der hohen Komplexität noch um etwas Geduld“, um einerseits Kompetenz zu signalisieren und zugleich erstmal abzulenken bzw. ruhigzustellen. Der Kritisierte nutzt dabei das asymmetrische Informationsverhältnis aus, auch unter „Signaling“ bekannt. Der Wert eines Signals steigt mit dem Risiko bzw. dem Aufwand, welches der Empfänger ihm beimisst, wobei es für ihn generell schwer ist, die Qualität zu beurteilen und damit die Tür zu allerlei Flachsinn öffnet.

Viele Leute glauben, dass sie alleine durch Einhaltung bestimmter Regeln den großen Erfolg finden werden. Entsprechende Ratgeber verkaufen sich bestens, bieten jedoch meist nur Cargo Kult. Die realen Erfolgsgeschichten orientieren sich aber nicht an Regeln, die Personen gingen ihren eigenen Weg, der sich dem Leser aufgrund der vielen Einflussfaktoren meist als unwiederholbar darstellt. Trotzdem lesen wir solche „Business Pornographie“-Bücher gerne.

Hypestorms und Shitstorms

Während Kleinanleger meist auf langfristige Zuwächse ihrer Investments spekulieren, verdienen Profis an den Marktschwankungen. Dies lässt sich auf die Aufmerksamkeitsökonomie übertragen, denn je stärker das Auf- und Ab, desto mehr schauen wir hin. Auch Aktienkurse werden durch Aufmerksamkeit getrieben, im Hype wird gekauft und empfohlen, um dann leer zu verkaufen und entsprechend niederzuziehen. Das ist ethisch zumindest diskussionswürdig, aber schließlich muss hier ja keiner mitmachen. Eher wenig vertretbar ist das Zocken mit Aufmerksamkeitsschwankungen, um daraus Profit zu schlagen, am besten mit kontroversen, leidenschaftlichen Debatten, bei denen die Bevölkerung polarisiert wird oder Urängste aufgerührt werden – Hauptsache grelle Meldungen. Aufmerksamkeit wird mit kurzfristigem Profit belohnt, mehr interessiert nicht. Das vielgepriesene Gleichgewicht des Marktes durch die unsichtbare Hand wird durch das laute, extreme und flachsinnige Agieren der Aufmerksamkeitsprofis ausgehebelt und schadet damit langfristig uns allen.

Befreien wir unsere Aufmerksamkeit!

Für Freiheiten, wie wir sie heute genießen dürfen, wurde lange gekämpft. Zudem schafft der technische Fortschritt, allen voran das Internet, ganz neue Freiheiten. Allerdings gilt schon immer: Freiheit verpflichtet, Freiheit schafft Verantwortung – und findet dort ihre Grenzen.

Neben der klassischen Intelligenz, festgemacht am IQ, wurde in den neunziger Jahren die Emotionale Intelligenz (EQ) etabliert, welche die Fähigkeit zur Wahrnehmung und Beeinflussung eigener und fremder Gefühle beschreibt, um damit letztendlich besser im sozialen Miteinander klarzukommen. Allerding lässt sich auch beobachten: Wer an einem mathematischen oder technischen Problem scheitert, gesteht seine Unfähigkeit meist mehr oder weniger ein und bittet ggf. um Hilfe. Wer mit Menschen nicht klar kommt, neigt eher dazu, die Ursache bei den anderen zu suchen, als seinen niedrigen EQ zu bekennen oder Hilfe hinzuzuholen Deshalb werden viel mehr emotionale Fehler gemacht als sachliche.

Im heutigen Leben geht es jedoch nicht nur um Mathe und Mensch, sondern auch um Aufmerksamkeit, andere für sich einzunehmen und damit nicht zuletzt eine Menge Geld zu verdienen. In Zeiten des Informationsüberflusses kommt dieser Attraktionsintelligenz (AQ) zunehmende Bedeutung zu, geht es doch in einem ersten Schritt vor allem darum, aus der Masse herauszustechen und sich für andere interessant zu machen. Allerdings sind nur wenige mit einem hohen AQ gesegnet, wobei das wohl auch eine Frage der kulturellen Prägung ist, und eine Ausbildung dazu gibt es nicht.

Neben der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken, kommt es auch darauf an die eigene Aufmerksamkeit möglichst optimal einzusetzen. Aufmerksamkeitsallokation ist ein wesentlicher Bestandteil der heutzutage oft genannten und geforderten Medienkompetenz, d.h. in der Informationsflut seine knappe Ressource möglichst gewinnbringend einzusetzen. Grundsätzlich gilt: Wer ein klares Ziel vor Augen hat, wer für etwas wichtiges und wertvolles lebt, der lässt sich nicht mehr so einfach sinnlos ablenken.

Oft sind es jedoch leider heute noch rechtliche Probleme bzw. Grauzonen, die den Zugang zu wertvollen Inhalten verwehren. Viele Kulturschätze schlummern aufgrund rechtlicher Bedenken in den Archiven des Staatsfernsehens. Sie sind bezahlt von uns allen und würden ausreichen, ein Kind ohne jeden Trash großzuziehen. Digitalisierung und Verfügbarmachung unserer Kulturschätze würde nicht nur der Bildung der Gemeinschaft zu Gute kommen, sondern auch zahlreiche Arbeitsplätze schaffen.

Von Booksmarts, Streetsmarts und Streamsmarts

Die ersten beiden kennen wir bereits aus Schwarmdumm, die dritte Gattung der „Weisheit“ erlangte insbesondere mit der verbreiteten Nutzung der (digitalen) sozialen Medien an Bedeutung. Streamsmarts leben im Nachrichtenstrom und stehen in dauerhaftem Kontakt mit einer größeren Community, mit der sie Wissen und praktische Erfahrungen austauschen. In der Regel setzt sich Qualität langfristig durch und so ist es ein gute Idee, den wichtigsten Streamsmarts in seinem Fachgebiet zu folgen, um vom Flachsinn weitgehend verschont zu bleiben.

Vor allem schaffen Sie so den dringend notwendigen Blick über den Tellerrand. Statt im eigenen Saft zu köcheln, die eigenen Kollegen mit internen Meetings und Brainstormings zu quälen, sollten Sie „raus, raus, raus“ und von den besten lernen, was gerade in der Welt passiert. Es ist beispielsweise keine gute Idee, einfach nur abzuwarten, was (einem) die Digitalisierung so bringen wird.

Leider ist es aber heute auch so, dass jeder, der die Stimme erhebt und in die Öffentlichkeit tritt, schnell angefeindet wird, im Shitstorm steht bzw. sogar böswillig verletzt wird. Für Vernunft und Besonnenheit ist kein Platz mehr, sie finden kein Gehör bzw. keine Resonanz – was letztendlich für die meisten zählt. Die vielseits hochgeschätzte Freiheit ist aber keine Freiheit, Streit zu säen, um Aufmerksamkeit zu ernten. Unruhe ist wider einer besonnen Balance. Freiheit und Hirn verpflichten, jeder trägt Verantwortung.

Die Welt von heute und morgen verlangt nach einer zunehmenden Professionalisierung, um auf der Gewinnerseite zu stehen. Bildung und großes Fachwissen alleine reicht nicht aus, Selbstkompetenz bzw. neudeutsch Empowerment heißt der Schlüssel, d.h. selbstbestimmt und selbstständig zu handeln, Begabungen zu entfalten, Ziele zu setzen und konsequent zu verfolgen, sowie die Fähigkeit auch andere zu „empowern“. Leider wird der Graben zwischen den Empowerten und den anderen jedoch eher größer – und der umgreifende Flachsinn trägt dazu bei. Stattdessen sollte gelten: Verantwortung statt Hype und Empowerment für alle!

Auch das heute viel gelobte Silicon Valley bringt zwar Innovationen und den dort arbeitenden Professionellen viel Geld, aber keine allgemein bessere Kultur. In den letzten Jahren sind auch viele deutsche Manager dorthin gereist und hoffen nun, durch bloßes Kopieren, ähnliche Erfolge auch in der Heimat zu schaffen. Lieder sind dies jedoch nur weitere Cargo-Kulte, bei denen relativ planlos mit Hoffnungen gehandelt wird (Standard-Floskel: „Wir stehen natürlich noch ganz am Anfang…“).

Wer Innovationen fordert, sollte zunächst für die entsprechende Infrastruktur sorgen. Obwohl dies eigentlich „nur“ mit Geld zu lösen wäre (keine Rechtsprobleme etc.), geht es in Deutschland leider eher schleppend voran, vermutlich geht es uns (z.B. im Vergleich zu anderen Ländern wie Estland) einfach noch zu gut. Zudem bedarf es dem Wiederaufleben von Intellektuellen, d.h. Leute, die nicht nur viel Wissen, sondern dies auch nutzbar einbringen, d.h. nicht nur besser wissen, sondern kompetent beeinflussen. Tiefsinn bekämpft Flachsinn nicht durch verachtende Abkapselung. Auch hier geht es auch wieder um AQ und nicht nur um Kopieren von anderen, sondern die Diskussion zentraler Zukunftsfragen: Wie werden wir arbeiten, uns organisieren und miteinander umgehen? In einer Firma, einem globalen Unternehmen, einem Staat in einer digitalen Welt?

Es liegt an den Stream Smarts, den Intellektuellen, den Innovatoren, den Machern, den echten Pionieren und letztlich an uns allen uns hier rauszubringen und ein neues Culture Valley entstehen zu lassen.

P.S.: Vortrag zu „Flachsinn“ auf der diesjährigen Re:publica 2017.

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Kategorien:Bücher, Vernetze Welt
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