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Effekte und Vernetzung – zwei Seiten einer Medaille

Vorbemerkung: Den folgenden Artikel habe ich im Frühjahr 2006 zusammen mit meinen Mitstreitern Michael Romba und Michael-Günther Lux verfasst und im Juli 2006 in der Europäischen Sicherheit veröffentlicht. Wesentliches Ziel war es, wie so oft, die aktuellen Buzzwords ein wenig mit Leben zu füllen und Berührungspunkte bzw. Unterschiede aufzuzeigen.

Grundzüge Effektbasierter Operationen und Vernetzter Operationsführung

Wesentliches Ziel der Transformation von Streitkräften ist die Erhöhung ihrer Einsatzfähigkeit durch kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung an neue Herausforderungen bzw. Rahmenbedingungen. Dabei lassen sich zwei zentrale Faktoren ausmachen, die für die Neuausrichtung maßgeblich sind. Zum einen ist das sicherheitspolitische Umfeld nach Jahrzehnten der Stabilität während des Kalten Krieges in den letzten Jahren von umwälzenden Veränderungen geprägt. Es ergeben sich grundlegend neue Rollen und Aufgaben für die Streitkräfte, für deren Lösung das klassische, vornehmlich auf Abnutzung und Zerstörung zielende Kriegsbild und das damit verbundene restriktive Denken in Militärpotentialen in der heutigen Zeit keine ausreichenden Antworten mehr liefert.

Zum anderen bietet der rasante Fortschritt mit seinen vielfältigen, technologischen Innovationen, beispielsweise im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), der Miniaturisierung/ Robotik oder der Entwicklung von Präzisionsbewaffnung, neue Möglichkeiten der militärischen Operationsführung. Moderne IKT-Systeme sind heute in der Lage, Daten in bisher unbekanntem Ausmaß zu speichern, zu verarbeiten und zu verteilen. Dies ermöglicht es, unterschiedliche Informationen zusammenzufassen, zu verwerten und nahezu ohne Zeitverzug jedem Bedarfsträger situationsgerecht und rollenorientiert zur Verfügung zu stellen.

Diesen beiden Faktoren lassen sich zwei wesentliche Ansätze zuordnen, die insbesondere in der US-amerikanischen Literatur als Kernelemente der Transformation genannt werden: Effektbasierte Operationen (‚Effects-Based Operations, EBO’) und Vernetzte Operationsführung, NetOpFü (‚Network Centric Operations, NCO’). Zielsetzung dieses Beitrages ist es, die grundlegenden Gedanken der beiden Ansätze zu erläutern und dabei insbesondere auf deren Zusammenhänge und Synergien einzugehen.

h4>Grundgedanken Effektbasierter Operationsführung

“Effects-based operations are coordinated sets of actions directed at shaping the behaviour of friends, foes, and neutrals in peace, crisis, and war.” (Edward A. Smith, Effects Based Operations, Washington, 2002)

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich der Charakter von Konflikten entscheidend verändert. Plakativ ausgedrückt geht es zunehmend darum, nicht den Krieg, sondern vielmehr den Frieden zu gewinnen. Aufgaben wie friedenschaffende und friedenerhaltende Operationen mit Aspekten des ‚Nation-Building’ werden heute genauso von den Streitkräften wahrgenommen wie Maßnahmen zur präventiven und nachhaltigen Konfliktbeeinflussung bzw. -vermeidung. Dabei kommt neben der glaubwürdigen Demonstration physischer Überlegenheit insbesondere der Beeinflussung von Verhaltensweisen möglicher Konfliktparteien eine bedeutende Rolle zu. Mehr als je zuvor werden die heutigen Konflikte in den Köpfen und in den Herzen gewonnen.

Systemtheoretisch betrachtet geht es zunehmend darum, komplexe anpassungsfähige Systeme zu beeinflussen. Sie zeichnen sich durch einen hohen Grad an Vernetzung und nichtlineare Wechselwirkungen zwischen ihren Elementen aus (z.B. kleine Ursache – große Wirkung) und passen sich schnell und flexibel an aktuelle Entwicklungen an. Die Bedeutung einzelner Elemente und Akteure im System erschließt sich oft erst durch ihre wechselseitigen Beziehungen, die durch ein hohes Maß an Verbindungen und Abhängigkeiten (Konnektivität und Interdependenz) bestimmt sind. Dies erfordert nicht nur Agilität auf der eigenen Seite, sondern vor allem eine ganzheitliche Betrachtungsweise der jeweiligen Lageentwicklung. Unter Agilität wird die Fähigkeit verstanden, sich rasch auf wechselnde Aufgaben, Situationen und Bedingungen einstellen sowie die verfügbaren Ressourcen flexibel und effektiv einsetzen zu können.

EBO1

Effektbasierte Operationen folgen einem „systemischen Ansatz“. In einer umfassenden Analyse wird die aktuelle Lage als komplexes System von Elementen/ Akteuren und Beziehungen aufgefasst, das es im Sinne der eigenen Zielsetzung zu beeinflussen gilt. Dieses System ist von seinem aktuellen Zustand über eine Reihe von Zwischenzuständen bzw. Zustandsänderungen, den Effekten, in einen gewünschten Endzustand zu überführen. Als Effekt wird dabei der physische Zustand oder das Verhalten eines gegnerischen Systems bezeichnet, der/ das aus einer oder mehreren militärischen oder nicht-militärischen Aktionen oder deren Kombination resutiert. Als System können je nach Betrachtungsweise ein Staat, bestimmte Organisationen oder sogar Einzelpersonen gelten. Um einen Effekt zu erzielen, sind eine oder mehrere Aktionen erforderlich. Um den Endzustand auf möglichst direktem Wege zu erreichen, ist die zielgerichtete Auswahl geeigneter „Aktions- und Effektketten“ Voraussetzung. Bei ihnen handelt es sich im Wesentlichen um kontextabhängige, vielfach nichtlineare Ursache-Wirkungsbeziehungen. Dabei gibt es zwei verschiedene Effektarten: Direkte Effekte treten unmittelbar im Zusammenhang mit einer verursachenden Aktion auf, während indirekte Effe-te beispielsweise in Verbindung mit vorherigen, bereits abgeschlossenen Aktionen zu beobachten sind.

Bei der Anwendung des EBO-Ansatzes werden drei wesentliche Phasen unterschieden, die sich durchaus zeitlich überlappen können: Planung (‚Effects Based Planning, EBP’), Durchführung (‚Effects Based Execution, EBE’) und Bewertung (‚Effects Based Assessment, EBA’). Bei der Planung wird prinzipiell ein „Rückwärtsansatz“ verfolgt: Ausgehend von einem gewünschten Endzustand des betrachteten Systems werden Aktionen und die mit ihnen erzielbaren Effekte ausgewählt. Von diesen Effekten wird angenommen, dass sie zur Erreichung des gewünschten Systemzustands beitragen werden. Nach der Durchführung der Aktionen erfolgt eine Messung und Bewertung anhand von Kennzahlen. Diese sind entweder möglichst empirisch begründet oder im jeweiligen Kontext ad hoc zu ermitteln. Sie dienen als Indikator für den Grad der Zielerreichung und als Grundlage für die weitere Planung. Der EBO-Ansatz entspricht somit weitgehend dem klassischen militärischen Führungszyklus (Im angloamerikanischen Sprachraum: ‚OODA-Loop – Observe, Orient, Decide, Act’).

Als zentrale Plattform zur Unterstützung der drei Phasen Planung, Durchführung und Bewertung dient eine Wissensbasis (‚Knowledge Base’). Alle Akteure, ihre Beziehungen untereinander, Handlungen, Lageentwicklungen, Ergebnisse aus Vorhersagemodellen/ Expertensystemen etc. werden im Sinne des systemischen Ansatzes erfasst, zugehörige Informationen/ Daten bedarfsgerecht aufbereitet und damit die Wissensbasis kontinuierlich fortgeschrieben (‚Knowledge Base Development, KBD’). Die Wissensbasis bildet ein übergreifendes Konstrukt, das dem Ziel dient, Informationen über das eigene wie auch das gegnerische System möglichst umfassend zusammenzuführen, um effektbasiert planen zu können. Im Idealfall befähigt eine gut befüllte Wissensbasis zu einem ganzheitlichen und dynamischen Verständnis der Operationsumgebung. KBD ist somit mehr als eine reine Datenbank oder ein maschineller Ersatz für Fachleute (Subject Matter Experts). Im Sinne eines Wissens- bzw. Informationsmanagements ist entscheidend, dass es erst mit dem lagebezogenen Aufbau, der zeitgerechten Befüllung, der Bereitstellung einer angemessenen Extraktionsmöglichkeit sowie der entsprechenden Visualisierung gelingt, den jeweiligen Entscheidungsträger sowie Handelnden in das richtige Situations- und Lagebewusstsein zu versetzen.

Ein neuer Denkansatz

EBO steht dabei im Wesentlichen für einen neuen Denkansatz und nicht für eine konkrete Operationsform. Insofern wird der Ausdruck „effektbasierter Ansatz“ bevorzugt, der die Auswahl, Auslösung und Bewertung von Effekten unterstreicht. Die Analyse einer gegebenen Lageentwicklung wird mit Hilfe des „PMESII-Schemas“ strukturiert. Es deckt die Kategorien Politik, Militär, Wirtschaft, Soziales, Infrastruktur und Information (Politics, Military, Economics, Social, Infrastructure, Information) ab. Damit trägt es dem ganzheitlichen Ansatz (‚System of Systems Analysis’, SoSA) Rechnung. Beispielsweise werden in der Wissensbasis zu einem Warlord nicht nur sein militärisches Potential, sondern auch sein politischer und wirtschaftlicher Einfluss sowie seine sozialen Be-ziehungen erfasst.

Die Beeinflussung des Systems erfolgt dann im Rahmen des „DIME-Spektrums“ und umfasst abgestimmte Aktionen im Bereich der Diplomatie, Information, Militär und Wirtschaft (Diplomacy, Information, Military, Economics). Die Breite des Analyse- und Handlungsspektrums verdeutlicht, dass dem Militär bewusst nur eine Rolle neben vielen anderen Akteuren zukommt. Primär geht es darum, militärische Fähigkeiten in einen Verbund mit staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen in einem koordinierten Gesamtkonzept einzubringen (ressort-übergreifender Ansatz, ‚Interagency Interaction’). Diese Vorgehensweise orientiert sich an der These, dass heutige Konflikte nicht mehr allein militärisch lösbar sind und damit vor allem den Fragen der Interoperabilität eine besondere Bedeutung zukommt. Der Ansatz von EBO konzentriert sich von Beginn an auf eine Kombination militärischer und nichtmilitärischer Handlungen, deren synergetische Effekte auf eine Verhaltensänderung von Konfliktparteien im operativen Umfeld zielen.

EBO1

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es in Verbindung mit Effektbasierten Ansätzen zur Operationsführung zwei wesentliche Entwicklungslinien: Dies ist zum einen die vom United States Joint Forces Command (USJFCOM) verfolgte Richtung, die als ‚Effects-Based Operations, EBO’ bekannt wurde. Sie ist auf den US-amerikanischen Ansatz bei der Wahl der Mittel im Rahmen der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge abgestimmt. Zum anderen wird der vom NATO Allied Command Transformation (ACT) entwickelte Ansatz ‚Effects-Based Approach to Operations, EBAO’ als umfassendes Schlüsselkonzept für die Transformation der NATO mit ihren Fähigkeiten gesehen. Die zugrundeliegenden Ideen sind jedoch in beiden Ansätzen sehr ähnlich (Vgl. hierzu das 2002 erschienene Grundlagenwerk von Edward A.Smith „Effects Based Operation (EBO) – Applying Network Centric Warfare in Peace, Crisis and War“ (CCRP Publication Series, http://www.dodccrp.org)).

Schwierigkeiten bereitet derzeit neben der Problematik der Messbarkeit unterschiedlicher Effekte die zeitgerechte Integration der nicht-militärischen Anteile des DIME-Spektrums in den momentan nachhaltig militärisch geprägten EBO-Prozess. Es geht um das zielgerichtete Zusammenwirken aller Vertreter im DIME-Spektrum, um den zuvor definierten Endzustand bestmöglich zu erreichen. Unabhängig von der jeweiligen Konstruktion der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge, die stets zu beachten ist, bedarf es bei diesem Ansatz eines übergeordne-ten Gesamt- bzw. Rahmenkonzepts, das alle Vertreter des DIME-Spektrums ressortübergrei-fend und gemeinsam zu einem abgestimmten Planen und Handeln befähigt. Der erwartete Gewinn dieses Ansatzes liegt darin, dass ausschließlich in Systemzusammenhängen gedacht wird. Alle Aktivitäten staatlicher und nichtstaatlicher Organe sind von vornherein zu integrieren und im Idealfall eng aufeinander abzustimmen.

Grundgedanken Vernetzter Operationsführung

Nahezu zeitgleich zu den aktuellen sicherheits- und geopolitischen Veränderungen haben die technologischen Fortschritte – insbesondere in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen – den Übergang vom Industrie- in das Informationszeitalter begünstigt. Bedingt durch die Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch durch die zunehmende Automatisierung, kommt dem Faktor „Information“ eine wachsende Bedeutung für die gesamtgesellschaftliche Wertschöpfung zu. Diese Veränderungen wurden auch seitens des Militärs aufgegriffen. Angestrebt wird ein streitkräftegemeinsamer, führungsebenenübergreifender und interoperabler Informations- und Kommunikationsverbund, der alle relevanten Personen, Stellen, Truppenteile und Einrichtungen sowie Sensoren und Effektoren miteinan-der verbindet und damit als Grundlage für die Führung und den Einsatz von Streitkräften dient (Vgl. Konzeption der Bundeswehr, Abschnitt 3.2, S. 12).

Doch auch wenn der Ursprung von NetOpFü wesentlich in der Technik begründet liegt – ohne technische Vernetzung gäbe es keinen Informationsaustausch in diesem Umfang und damit keine NetOpFü – so sind die Implikationen dieser Entwicklung weitaus vielfältiger, wenn man das enorme Potential der Vernetzung vollständig zur Wirkung bringen will. Neue Werkzeuge bedingen immer auch eine Überprüfung und Anpassung ihrer Handhabung, d.h. der Strukturen, Verfahren und Verhaltensweisen. Viele dieser Auswirkungen und notwendigen Anpassungsprozesse sind Gegenstand aktueller Überlegungen und sollen im Rahmen dieses Beitrages nicht weiter vertieft werden. Allgemein zeichnet sich bereits heute ab, dass die Verfügbarkeit eines streitkräftegemeinsamen Lagebildes und moderner „Kollaborationswerkzeuge“ flexiblere Formen der Abstimmung, Zusammenarbeit und auch Führung ermöglicht, die es für die militärische Operationsführung zu nutzen gilt. Zielsetzung ist es, durch die neue Dimensi-on des Verbundes von Aufklärung, Führung und Wirkung geeignete Handlungsoptionen schneller und präziser zu generieren, abzustimmen und damit im gesamten Aufgabenspektrum flexibler, effektiver und effizienter im Sinne des Auftrages zu wirken.

EBO als „Anwendungsfall“ von NetOpFü

Auch wenn sich NetOpFü und EBO im Prinzip nicht unmittelbar wechselseitig bedingen, so ist es doch erst das Zusammenwirken beider Konzepte, mit dem das volle Potential entfaltet und damit ein synergetischer Mehrwert erreicht werden kann. In gewisser Weise liefert NetOpFü unter Nutzung der technologischen Entwicklung die Werkzeuge und Prozesse, um EBO „wirksam“ durchführen zu können. EBO sind damit ein logischer Anwendungsfall von NetOpFü. Grundsätzlich bleibt dabei zu berücksichtigen, dass die Technologie bei EBO wie auch bei NetOpFü immer nur ein Katalysator (‚Enabling Factor’) sein kann. Ohne adäquate Ausbildung und Veränderungen im Denken sowie einer entsprechenden Anpassung der Strukturen und Prozesse werden sich die Potentiale nicht ausschöpfen lassen.

EBO1

Zusammengefasst lassen sich vier zentrale Eigenschaften bzw. Zielsetzungen von NetOpFü identifizieren, die für die Durchführung von EBO von essentiellem Nutzen sind:

(1) Mehr Optionen: Die Möglichkeit, flexibel und situationsgerecht auf ein vielfältiges und geographisch verteiltes Netzwerk von Effektoren und Fähigkeiten zurückgreifen zu können, eröffnet eine Vielzahl zusätzlicher lagebezogener Handlungsmöglichkeiten, um mittels geeigneter Effekte den gewünschten Endzustand zu erzielen. Ebenso ermöglicht die Vernetzung einer Vielzahl qualitativ hochwertiger Sensoren, die Auswirkungen von Effekten in einem umfangreicheren Spektrum als bisher zu messen, zusammenzuführen und zu analysieren.

(2) Mehr Agilität: Zunehmende Vernetzung und übergreifende Bereitstellung von Informati-onen fördert den Aufbau eines gemeinsamen Lageverständnisses und damit die Herstellung von Informationsüberlegenheit. Dies ermöglicht den eigenen Kräften, wesentlich agiler zu operieren, d.h. Entscheidungen schneller zu treffen, die eigenen Handlungen flexibel an mögliche Lageveränderungen anzupassen, das Operationstempo zu kontrollieren und somit die Initiative zu behalten.

(3) Mehr Synchronisation: Im Rahmen von EBO kommt nicht nur der Auswahl der geeigne-ten Aktionen, sondern vor allem der Koordination ihrer Durchführung eine wesentliche Bedeutung zu. Ein gemeinsames Lagebild sowie die Fähigkeit zur schnellen und flexiblen Syn-chronisation von Handlungen (einschließlich der Befähigung zur Selbstsynchronisation, d.h. einer intuitiv synchronisierten Handlungsweise aller Beteiligten) durch zeitnahen Informati-onsaustausch leisten hier einen entscheidenden Mehrwert im Sinne von EBO.

(4) Mehr Wissen: Effektbasierte Operationen mit ihrem inhärenten systemischen Ansatz stel-len eine große intellektuelle Herausforderung für alle Beteiligten dar. Ebenso erfordert die ganzheitliche Erfassung und Beeinflussung eines Gegners als vernetztes System auch auf der eigenen Seite ein vernetztes Denken, um die inhärente Komplexität (zumindest annähernd) zu beherrschen. Dies bedingt die Bereitstellung fehlertoleranter Systeme. Die technische Vernet-zung einer Vielzahl von Akteuren und damit Wissensträgern bietet hierzu völlig neue Mög-lichkeiten der Erschließung und situationsgerechten Bereitstellung des vorhandenen Wissens bzw. der verfügbaren Expertise. Der Aufbau und die ständige Weiterentwicklung sowie die Verfügbarkeit einer ganzheitlichen Wissensbasis ist hierfür eine zentrale Voraussetzung. Nur so lassen sich realitätsnahe und umfassende Ursache-Wirkungsbeziehungen bzw. belastbare Effektketten prognostizieren, um erfolgreich mögliche Handlungsoptionen zu entwickeln und gegeneinander abzuwägen. Allerdings bleibt die Prognose des Verhaltens eines Gegners trotz moderner Methoden und zunehmender Vernetzung von Informationen unsicher. Ein Gegner wird in der Regel versuchen, nicht so zu reagieren, wie es von ihm erwartet wird. Es kommt daher darauf an, das Ergebnis der eigenen Handlungen unverzüglich festzustellen und die eigene Planung dem Verhalten des Gegners zeitnah anzupassen.

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MNE 4: EBO und NetOpFü in der praktischen Überprüfung

Prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit (März 2006) zur praktischen Demonstration und Überprüfung eines konkreten EBO-Konzeptes unter NetOpFü-Bedingungen ist das Multinationale Experiment 4 (MNE 4). Auf Grundlage eines Szenarios „Afghanistan“ wurden unter anderem Konzepte zu EBP, EBE, EBA und KBD mit einem weltweit verteilten, multi-national besetzten Hauptquartier auf operativer Ebene durchgespielt. Zum Informationsaustausch und zur Abstimmung diente ein gemeinsames Computernetzwerk. Es beinhaltete neben einer computergestützten Kollaborationsumgebung (‚Collaborative Information Environment, CIE’) auch eine multinationale Wissensdatenbank. Sie unterstützte im Sinne des systemischen Ansatzes alle Beteiligten bei der Erarbeitung/ Bereitstellung des notwendigen Lagebewusstseins (‚Situational Awareness’) und dem daraus abgeleiteten Lageverständnis (‚Situational Understanding’). Die genauen Ergebnisse sind derzeit Gegenstand einer umfassenden Auswertung und Analyse, doch wurde bereits während der Durchführung das Potential der Ansätze von EBO und NetOpFü erkennbar. Weitere ausführliche Informationen zu MNE 4 finden sich beispielsweise auf den zentralen Internetseiten der Bundeswehr.

Fazit und Ausblick

Die „Idee“ bzw. der Grundgedanke hinter Effektbasierten Operationen ist weder grundsätzlich neu noch vom Ansatz her enorm kompliziert. Große Militärstrategen haben schon immer einen gewünschten Endzustand ins Auge gefasst und versucht, ihn über eine logische Abfolge von Zwischenzuständen zu erreichen. Mangels entsprechender Mittel wurden jedoch zur Reduktion der Komplexität Organisationsformen geschaffen, die durch Aufteilung in klar abgegrenzte Aufgabenbereiche und Hierarchien sowie durch Spezialisierung und interne Optimierung geprägt waren. Im übrigen zeichneten sie sich häufig durch langwierige Planungs- und Entscheidungsprozesse aus – insbesondere dann, wenn es unerwartete oder übergreifende Aufgaben zu bewältigen galt (‚Stovepiped Organisations’). Heute sind wir – bedingt durch neue Konfliktformen und Aufgaben – mehr denn je gezwungen, ganzheitlich zu denken und zu handeln; gleichzeitig bieten uns neue Technologien – insbesondere die Vernetzung – neue Möglichkeiten, diesen Herausforderungen zu begegnen. Dies bedingt eine Überprüfung und Neuausrichtung der Streitkräfte. Dabei geht es nicht darum, bewährte bzw. traditionelle Formen der Operationsführung vollständig zu ersetzen. Vielmehr bietet EBO in Verbindung mit NetOpFü eine deutliche Erweiterung des militärischen Fähigkeitsspektrums, insbesondere beim Umgang mit asymmetrischer Bedrohung und im Kontext eigener ressortübergreifender Operationen.

Aufbauend auf den in diesem Beitrag dargelegten Grundsätzen gilt es daher, die konzeptionellen Überlegungen weiterzuentwickeln und im Rahmen von nationalen wie internationalen Experimenten realitätsnah an konkreten Szenarien zu überprüfen (ähnlich MNE 4). Zeitgleich ist für die neuen Ideen ein geeignetes Bewusstsein in den Streitkräften zu schaffen. Wesentliche Herausforderungen liegen dabei nicht nur in der Festlegung von Zuständigkeiten und Prozessen, sondern vor allem in der Identifizierung realistischer Kausalketten und dem Erfassen aller möglichen Effekte sowie deren Messbarkeit. Hier werden insbesondere moderne Techni-ken und Werkzeuge der Informationsverarbeitung, Ansätze des Wissens-/ Informationsmanagements und Simulationen einen Beitrag leisten. Ebenso bedeutend ist die kontinuierliche Fortführung der umfassenden Integrationsprozesse und Herstellung von „Zusammenarbeitsfähigkeit“ (Joint/ Combined/ Interagency) sowie der konsequente Ausbau der technischen Vernetzung mit den darauf aufbauenden Anpassungen in allen Handlungsfeldern. Und nicht zu vergessen ist die zur Entwicklung einer „geeigneten“ Wissensbasis in vielen Bereichen notwendige Forschung.

Dies sind die entscheidenden Schritte, um den Herausforderungen der heutigen Zeit unter optimaler Nutzung ihrer Möglichkeiten gerecht zu werden. Im Wesentlichen geht es darum, vernetzte Systeme zu nutzen, um vernetzte Systeme zu beeinflussen.

Kategorien:10_Jahre, Vernetze Welt
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