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Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit (Buchzusammenfassung)

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Das Buch wurde im Rahmen eines Vortrages in einer Randbemerkung wärmstens empfohlen, ohne jedoch, dass der Vortragende näher auf den Inhalt einging. Da ich zu dieser Zeit gerade auf der Suche nach einem neuen eBook war, war meine Neugier sofort geweckt und der Download gestartet, ohne dass ich große Ahnung hatte, um was es darin eigentlich geht. Eigentlich war ich sogar eher skeptisch, ob ich überhaupt ein Geschichtsbuch lesen sollte. Heute kann ich mich dieser Empfehlung nur anschließen und habe irgendwann angefangen, einige Inhalte zusammenzufassen – ohne zu ahnen, dass daraus der bisher längste Beitrag dieses Blogs entsteht. Nun denn, so kurz ist „unsere Geschichte“ dann eben doch nicht.

Drei wesentliche Revolutionen bestimmen die Geschichte der Menschheit: Die kognitive Revolution vor ca. 70.000 Jahren, die landwirtschaftliche Revolution vor ca. 12.000 Jahren und die wissenschaftliche Revolution vor ca. 500 Jahren. Verglichen mit der Entstehung der Erde vor ca. 4,5 Milliarden Jahren sind das sehr kleine Zeiträume, aber reichten sie doch aus, dass sich unsere Spezies auf allen Kontinenten ausbreitete und alle anderen Lebewesen entweder Untertan machte oder komplett ausrottete – wobei insbesondere letzteres eher die Regel als die Ausnahme darstellte. Vor mehr als zwei Millionen Jahren lebten auf der Erde zur gleichen Zeit verschiedene Spezies der Gattung homo (z.B. Neandertaler, homo erectus etc.), die sich trotz ihres gemeinsamen afrikanischen Ursprungs über die Jahrtausende an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten angepasst haben. Die verschiedenen menschlichen Spezies nahmen zunächst keine Sonderstellung gegenüber den anderen Lebewesen ein und standen eher in der Mitte der Nahrungskette, trotz der Verwendung von Werkzeugen und Feuer, wobei letzteres vor allem durch die Möglichkeit, Nahrung zu kochen, einen gewissen Vorteil bzw. Zeitgewinn in der Verdauung gegenüber anderen Lebewesen brachte.

Die kognitive Revolution

Vor etwa 70.000 Jahren machte sich Homo Sapiens aus Afrika auf, den Rest der Welt zu erobern und die anderen menschlichen Spezies komplett auszurotten. Seine Überlegenheit gründete sich vor allem in der variablen Sprache, mit der erstmalig komplexe und ggf. neue oder fiktive Sachverhalte ausgedrückt werden konnten, und die nicht zuletzt auch den Austausch über andere Menschen bzw. das soziale Zusammenleben ermöglichte (Gossip-Theory). Damit ließen sich Gruppen von bisher unbekannter Größe organisieren und komplexe Aktionen planen bzw. durchführen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Die Kommunikation von Fiktion schafft kollektive Vorstellungen, d.h. Mythen, Rituale und Religion, was den Zusammenhalt (auch unter (bisher) Unbekannten) weiter entscheidend stärkt. Neben der objektiven Realität entsteht eine imaginäre Welt mit un(an)fassbaren Dingen, die über die Zeit zu gemeinsamen Überzeugungen wurden und das Zusammenleben von Menschen bis heute entscheidend prägen (Götter, Heilige, Nationen, Menschenrechte, Geld, Marken, Gerechtigkeit, Moral, Gesetze, Handelsbeziehungen, GmbHs etc.)

Die Sprache ermöglicht jedoch nicht nur Zusammenarbeit in bisher unbekannten Größenordnungen, sondern auch flexible Verhaltensänderungen an neue Gegebenheiten sowie die Schaffung von verschiedenen Formen des sozialen Zusammenlebens, die sich nicht mehr biologisch begründen lassen (z.B. Zölibat). Die kognitive Revolution markiert daher den Punkt, an dem sich die Geschichte von der Biologie entkoppelte. Neben den Genen, Hormonen und Organismen sind es fortan die Ideen und Fantasien bzw. deren Austausch, die unser Handeln in mindestens gleicher Weise prägen. Auch wenn die Unterschiede zu unseren Vorfahren (z.B. Affen) auf individueller bzw. Kleingruppenebene (v.a. aus biologischer Sicht) bis heute eher gering sind, so sind die jenseits der magischen Größe von 150 Individuen enorm. Kein anderes Lebewesen hat weder derart komplexe und vielschichtige Strukturen des Zusammenlebens noch gemeinschaftlich ebensolche materiellen Dinge erschaffen. Damit einher gingen eine zunehmende Spezialisierung und die Abhängigkeit von anderen.

Zu Zeiten der Jäger und Sammler musste jeder selbst noch alles Notwendige wissen und können, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Was hingegen die täglichen Arbeitsstunden angeht, ging es unseren Vorfahren kaum schlechter, waren sie zudem mit weniger materiellen Dingen zufrieden. Abwechslungsreiche Mahlzeiten sorgten für eine gesunde Ernährung, Mobilität schaffte Flexibilität, falls die natürlichen Gegebenheiten sich änderten. Auch die meisten Krankheiten und Seuchen fanden keinen Nährboden. So gesehen, ging es ihnen sicherlich besser als so manchem Fabrikarbeiter vor 100 Jahren oder gar heute. Nicht vergessen werden darf dabei allerdings z.B. die hohe Kindersterblichkeit, tödliche Folgen bereits kleiner Unfälle und der teilweise erbarmungslose Ausschluss von Alten und Behinderten, die das Fortkommen der Gruppe einschränkten. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass Jäger und Sammler spirituell dem Animismus anhingen, fundierte Belege dafür gibt es allerdings bis heute nicht. Ebenso wenig lassen sich aus den gefundenen Überresten eindeutige Schlüsse über die Friedlichkeit bzw. kriegerischen Neigungen ziehen.

Umso stärker sind die Belege, dass Homo Sapiens mit seinem Auszug aus Afrika die anderen Erdteile maßgeblich verändert hat, insbesondere die Tierwelt und die Nahrungsketten, die sich dort über Millionen Jahre etabliert hatten. Vor etwa 45.000 Jahren erreichten die ersten Menschen Australien und vor ca. 14.000 Jahren Amerika, das sie in nur 2.000 Jahren von Nord nach Süd durchquerten. Wenig später verschwanden zahlreiche große wie kleine Tiere von der Bildfläche. Keines der bisher gefundenen Fossilien ist wesentliche jünger als die Ankunft der neuen Besucher. Dieser Ablauf wiederholte sich unzählige Mal auf nahezu allen Inseln, so dass bis zum Beginn der Landwirtschaftsrevolution gut die Hälfte der 200 größten Säugetiere ausgerottet war. Einzige prominente Ausnahme sind die Galapagos Inseln, die erst im 19. Jahrhundert erstmalig menschlichen Besuch erfuhren und dadurch z.B. bis heute ihre berühmten Schildkröten erhalten haben.

Die landwirtschaftliche Revolution

Nach über 2,5 Millionen Jahren als Jäger und Sammler begann Homo Sapiens vor etwa 12.000 Jahren seine Lebensgewohnheiten grundsätzlich zu ändern. Zunehmend wurden die Menschen sesshaft und begannen, gezielt Getreide anzubauen und Tiere zu züchten. Bis ca. 3.500 v.Chr. verbreitete sich dieser Trend über den gesamten Planeten. Das steigende Nahrungsangebot führte allerdings nicht zu mehr Freizeit oder einem grundsätzlich einfacheren Leben. Im Gegenteil, die Folge waren ein rasantes Wachstum der Bevölkerung und auf individueller Ebene ein deutlich anstrengenderes Leben mit variationsärmerer Ernährung als vorher. Hinzu kommen größere Risiken durch Ernteausfälle und die Verbreitung von Krankheiten aufgrund des engeren Zusammenlebens. Es zeigte sich eine Regel die bis heute gilt: Auf der Suche nach einem einfacheren, besseren Leben, sind die Menschen bereit, mehr zu arbeiten und stets bemüht, Dinge zu optimieren. Damit einher gehen steigende Ansprüche an die Zufriedenheit, doch gerade die findet er in der Regel nicht. Rückblickend betrachtet ist die landwirtschaftliche Revolution daher eher eine große Täuschung als ein Fortschritt der Evolution. Einen Weg zurück gab es allerdings nicht. Auch für die Tiere verschlechterten sich die Lebensbedingungen dramatisch. Sie wurden nicht nur ihrer Freiheit beraubt und auf engem Raum zusammengehalten, sondern fristeten ihr Leben als Lastenträgern und Milch-, Eier- oder Fleischlieferant.

Als Bauer lebt der Mensch von nun an in einer Welt, die er sich zum großen Teil selbst geschaffen hat, seien es die bestellten Felder, die Häuser oder Dörfer. Damit ändert sich auch seine Sicht auf die Zukunft. Während der Jäger und Sammler mehr oder weniger von der Hand in den Mund lebte und spontan auf Änderungen seiner Umgebung reagierte, macht sich der Farmer aufgrund der größeren Abhängigkeiten deutlich mehr Gedanken über die Zukunft, plant oft mehrere Monate voraus und weiß, dass er sehr wohl seine Zukunft mit Änderungen an seiner Umgebung beeinflussen kann. Der Nahrungsüberschuss, den die Landwirtschaft erwirtschaftete begünstigte die Entstehung von Eliten, d.h. Minderheiten, die nicht mehr unmittelbar für die eigene Nahrung arbeiten mussten, sondern sich um „wichtigere“ Dinge kümmern konnten und damit die Geschichtsbücher füllen – während der große Rest Tag ein Tag aus die Felder bestellte und Wassereimer trug.

Nahrungsüberschuss, bessere Transportmöglichkeiten und steigende Bevölkerungszahlen führten dazu, dass die Menschen enger aufeinander lebten, in Dörfern und wachsenden Städten. Notwendig waren dafür neue Ordnungssysteme, um ein geordnetes, weitegehend friedliches Zusammenleben in bisher nie dagewesener Größenordnung zu ermöglichen und z.B. die Ressourcenverteilung zu regeln bzw. Steuern für gemeinnützige Zwecke, z.B. Militär, zu erheben. Dafür gibt es keine natürlichen Vorbilder, noch eine „natürliche Ordnung“ in unseren Genen. Grundlage sind vielmehr einerseits gemeinsame Mythen, d.h. fiktive, ausgedachte Strukturen, Regelungen und vor allem Hierarchien, sowie andererseits eine ausreichende Anzahl an Systemgläubigen. Niederschriften finden sich z.B. in dem Codex Hammurapi oder in der Neuzeit in der Unabhängigkeitserklärung der USA. Trotz ihrer Fiktionalität manifestieren sich die Ordnungssysteme in der materiellen Welt (z.B. Architektur), sie formen unsere Wünsche (z.B. Abenteuer, Romantik, Konsum) und sind in der Gruppe tief verankert (inter-subjektiv), so dass sich ein Einzelner kaum entziehen kann. Die Weitergabe der geschaffenen Ordnung erfolgt über Erziehung und Lernen.

Die Organisation und Verwaltung großer Städte und Königreiche erfordert die Verarbeitung großer Datenmengen, vor allem quantitativer Art. Eine Aufgabe, für die unser Gehirn von Natur eher ungeeignet bzw. schnell überfordert ist. So wurde ca. 3500 v.Chr. die Schrift erfunden, zunächst als unvollständige Sprache, d.h. limitiert auf die Erfassung von Zahlen und Fakten wie z.B. Steuerzahlungen, und nicht von Geschichten oder gar Gedichten. Darüber hinaus bestand damals wie heute die Herausforderung des schnellen Zugriffs, d.h. der effizienten Organisation der gespeicherten Informationen.

Über die Jahrtausende haben sich in allen Gesellschaften auf der Welt diverse Arten von Hierarchien entwickelt, die Menschen in verschiedene Klassen einteilt, z.B. nach Vermögen, Hautfarbe, Geburt (Kaste), Religion oder Geschlecht. Objektive biologische Gründe gibt es dafür nicht, auch wenn dies von den Befürwortern oft gerne auf kreative Weise erklärt wird. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse hat entscheidenden Einfluss auf die individuellen Möglichkeiten der Lebensgestaltung und schuf darüber hinaus ein sich selbst verstärkendes System der Diskriminierung.

Unter allen unterschiedlichen Hierarchien, die sich über die Jahrtausende auf der Welt gebildet haben, sticht eine besonders hervor, die in nahezu allen Kulturen vorkommt: Die Dominanz der Männer über die Frauen. Wirklich schlüssige Erklärungen fehlen bis heute. Allgemein verbreitete Erklärungsmuster wie physische Überlegenheit, größere Aggressivität oder weniger Hilfsbedürftigkeit werfen bei genauem Hinsehen zahlreiche Fragen auf. Fakt ist, dass sich zumindest in einigen Teilen der Welt seit dem letzten Jahrhundert diese universelle, künstliche Ordnung mehr und mehr auflöst.

Über die Zeit haben sich auf der Erde viele verschiedene Kulturen herausgebildet, welche die Art und Weise des Zusammenlebens unter tausenden und mehr Menschen begründen. (und mit entsprechenden Regeln bzw. Gesetzen belegen, Stichwort: Biologie ermöglicht, Kultur schränkt ein.) Kulturen sind in konstantem Wandel, nicht zuletzt getrieben von widersprüchlichen Zielen (z.B. Gleichheit und Freiheit) und dem Versuch der Ausbalancierung. Global und langzeitlich betrachtet ist ein Trend jedoch unverkennbar: Unterteilte sich der Planet Erde bis vor einigen Jahrhunderten noch in zahlreiche vollkommen getrennte Welten, die ohne voneinander zu wissen existierten (z.B. bis 1450 Europa und Amerika), so geht der Trend klar in Richtung Zusammenschluss und Vereinheitlichung. Dafür gibt es vor allem drei Treiber: Geld, große Imperien und Religionen.

Geld ist ein künstliches Konstrukt und wurde in verschiedenen Kulturen aus der Notwendigkeit entwickelt, um die zunehmend komplexeren Handelsbeziehungen abbilden zu können. Über die Zeit hat es sich zum universellsten und effizientesten System entwickelt, gegenseitiges Vertrauen zu schaffen und damit (auch völlig fremde) Menschen zusammenzubringen, wobei das Vertrauen nicht selten allein in der Härte der Währung und nicht im Menschen liegt. Zudem ist Geld das universelle Transformationsmittel um jedwede Dinge umzuwandeln bzw. zu beeinflussen – im positiven, aber auch im negativen Sinne (z.B. Korruption, Menschenhandel etc.).

Der zweite große Treiber sind Imperien oder Weltreiche, die an zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Orten der Erde bestanden und sich durch zwei Eigenschaften auszeichnen: einheitliche Herrschaft über zahlreiche kulturell unterschiedliche Völker und flexible, d.h. meistens sich ausdehnende Grenzen. Nicht selten war so, dass einverleibte Völker Teile der Kultur und Gepflogenheiten der Eroberer übernahmen und diese sogar den Bestand des gesamten Reiches überlebten. Imperien waren die dominante politische Organisationsform der letzten 2500 Jahren weltweit, die meisten Menschen lebten als Einwohner eines Weltreiches. Beispiele sind das Azteken-Reich, das römische Reich oder das British-Empire.

Religionen definieren eine Menge von menschlichen Normen und Werte, die sich im Glauben an eine übermenschliche Ordnung begründen und damit Legitimität schafft. Sie bietet damit eine gewisse Stabilität, besonders gegen Zweifler und vermag es so, auch große Gruppen zusammenzuhalten. Um die Vereinigung weiter voranzutreiben, sind zwei weitere Eigenschaften wesentlich: Universalitätsanspruch und missionarisch. Viele frühzeitliche Religionen erfüllten diese Eigenschaften nicht, erste Vorkommen gab es etwa 1000 v.Chr. Mit zunehmender Vielfältigkeit des Lebens wuchsen auch die spirituellen Ansprüche und so entstanden polytheistische Religionen, mit Götter für jeden Lebensbereich. Götter, die Oper forderten, um in ihrem Bereich für günstige Bedingungen zu sorgen. Mehr noch: Die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Göttern hatten nicht nur Auswirkung auf die Menschen, sondern auch auf das Schicksal anderer Lebewesen. Über die Zeit entwickelten sich auch einige monotheistische Religionen, doch kam ihr Durchbruch erst mit dem Christentum. Grundproblem des einen omnipotenten Gottes ist der Umgang mit dem Bösen, so dass sich besonders vor Christi Geburt auch dualistische Religionen entwickelten, z.B. Zoroastrismus. Daneben gab es allerdings auch Religionen, bei denen nicht ein oder mehrere Götter im Fokus standen, z.B. der Buddhismus. Auch moderne „Glaubensrichtungen“, wie z.B. Kommunismus oder Nationalsozialismus können aufgrund ihrer Charakteristiken als Religion verstanden werden, wobei der Übergang von der Religion zur Ideologie fließend ist.

Eines der Grundprobleme der Geschichte besteht darin, dass im Nachhinein recht gut erklärt werden kann wie die Dinge gelaufen sind, viel weniger jedoch warum. Nicht selten sind es die zunächst unwahrscheinlichen Möglichkeiten, die am Ende Realität werden. Geschichte ist chaotisch, vor allem in dem Sinne, dass sie sich durch Vorhersagen beeinflussen lässt (z.B. im Gegensatz zum Wetter). Grundsätzlich gibt es keinen Beweis dafür, dass die Geschichte langfristig das Wohlergehen der Menschen oder irgendwelcher Individuen im Blick hat.

Die wissenschaftliche Revolution

Die letzten 500 Jahre haben die Erde verändert, wie keine andere vergleichbare Periode zuvor: Die Weltbevölkerung stieg um Faktor 14, die Produktion um Faktor 240 und der Energieverbrauch um Faktor 115. Kein Mensch hatte je zuvor einen Mikroorganismus oder die Erde von oben gesehen. Ein einziges modernes Kriegsschiff würde mühelos jede große Seeflotte von vor 500 Jahren schlagen. Seit etwa 70 Jahren ist der Mensch im Besitz der Atombombe und kann den Lauf der Erdgeschichte nicht nur beeinflussen, sondern auch beenden.

Ursache für diesen Wandel war die Erkenntnis, dass wissenschaftliche Forschung die menschlichen Fähigkeiten deutlich erweitern kann, was wiederum durch sichtbare Fortschritte weiter beschleunigt wurde. Dafür wesentlich war vor allem auch die Erkenntnis des eigenen Nichtwissens, d.h. die Menschen erkannten, dass sie zu wichtigen Fragen die Antworten nicht wusste, aber selbst etwas tun konnten, um dies zu ändern. Dies war in der Tat eine Revolution, da zuvor vor allem die Religion und ihre Schriften die Antworten zu allen zentralen Fragen parat hatten und es demnach eigentlich nichts gab, was der Mensch selbst erforschen musste. Vielmehr war alles, worauf es nicht schon eine Antwort gab, per Definition uninteressant bzw. von zu vernachlässigender Bedeutung.

Wesentliche Neuerung war zudem die immer engere Verbindung zwischen Technologie und Wissenschaft. Technologien und Werkzeuge gab es schon seit langer Zeit, doch nun wurde erstmalig wissenschaftliche Forschung betrieben, um diese zu verbessern und damit menschlichen Möglichkeiten bedeutend zu erweitern. Beste Beispiele sind die Medizintechnik und die Waffentechnologie, letztere wurde eigentlich erst seit dem Ersten Weltkrieg mit beachtlichen Fortschritten wissenschaftlich weiterentwickelt, weil zuvor die Militärstrategen die Potentiale eher in der Organisation, Disziplin und Logistik gesucht hatten. In gleichem Zuge wuchs die Bedeutung der Naturwissenschaften und vor allem der Mathematik bzw. neuer Disziplinen, wie z.B. Statistik. Entsprechend veränderten sich – bis heute sichtbar – die Schwerpunkte in der Ausbildung. Statistikkenntnisse sind heute auch in vielen Geisteswissenschaften unerlässlich.

Der wissenschaftliche Fortschritt ist nicht nur den Forschern zu verdanken, sondern vor allem auch den Regierenden, die die notwendigen Investitionen entsprechend steuerten bzw. priorisierten. So ist es nicht verwunderlich, dass damit primär akute Probleme gelöst werden sollten bzw. konkrete (macht-)politische Ziele verfolgt wurden, während nur rein aus wissenschaftlicher Sicht spannende Vorhaben eher hinten anstanden. Viele große Expeditionen der Neuzeit, die zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führten, hatten auch eine militärische Komponente bzw. umgekehrt. Die wissenschaftliche Revolution und der moderne Imperialismus gingen Hand in Hand, beide vereinte der Drang, Neues zu entdecken und zu erobern: Explore and Conquer. Dazu passte auch, dass neuerdings die Eroberungsfeldzüge nicht in der Nachbarschaft, sondern in weiter Ferne stattfanden, vor allem auf den amerikanischen Kontinenten und in der Südsee. Das eroberte Gebiet wurde genauestens wissenschaftlich untersucht, d.h. kartographiert, Archäologie betrieben sowie Flora und Fauna analysiert und dokumentiert, um das Wissen um die Welt zu mehren – ein Effekt, der gerne auch als Rechtfertigung herangezogen wurde. Nicht selten gelangten die Eroberer durch ihre Forschungsaktivitäten zu Erkenntnissen, von denen die eigentlichen Einwohner keine Ahnung hatten, aber bisher auch keinerlei Interesse gezeigt hatten.

Dies betraf vor allem die Europäer, die es nicht zuletzt aufgrund ihrer Werte, ihres Rechtsystems, ihrer sozipolitischen Strukturen und ihrer unstillbaren Neugier geschafft haben, ab etwa dem Jahr 1750 große Teile der Welt zu erobern und einen gewaltigen militärisch-industriellen-wissenschaftlichen Komplex aufzubauen, der die vormals weit überlegenen Mächte Asiens in den Schatten stellte. Letztere zeigten jedoch zunächst keinerlei Interesse an fernen Erkundungs-bzw. Eroberungsaktionen, dies änderte sich auch nicht, nachdem die Erfolge der Europäer bekannt wurden. So kam es schließlich dazu, dass die ressourcen-gestärkten Europäer auch in Asien einfielen und die Länder unter sich aufteilten.

Neben dem Imperialismus war es vor allem der Kapitalismus, der die wissenschaftliche Revolution befeuerte. Durch den Glauben an Fortschritt, d.h. an eine bessere Zukunft, wurden leichter Kredite vergeben, d.h. in Wissenschaft und Wirtschaft investiert. Es setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Wirtschaft kein Nullsummenspiel war, sondern alle gemeinsam und profitabel an der Vergrößerung des Kuchens arbeiten konnten. Das Motto des Kapitalismus lautet: Die Gewinne der Produktion müssen in steigende Produktion reinvestiert werden. Reichtum war möglich ohne anderen etwas wegzunehmen, sondern vielmehr auch deren Vermögen zu vergrößern. Wurden früher große Vorhaben, wie z.B. auch Kriege, durch Steuern oder Plünderungen finanziert, kamen nun zunehmend Kredite zum Einsatz, mit dem klaren Ziel des positiven ROI. An der Spitze des Kapitalimus wechselten sich über die Jahrhunderte verschiedene europäische Staaten ab, das Geld suchte sich stets selbst seinen Weg, selbst die aktuell Herrschenden konnten oft nur zusehen. Neben einem hohen Zins, waren vor allem Vertrauen und Sicherheit ausschlaggebend, die z.B. durch eine schlagkräftige und unabhängige Justiz garantiert wird. Auch der Börsenhandel florierte und erlebte seine ersten Crashs.

Gegen Ende des 18. und vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte die wissenschaftliche Revolution eine weitere in Gang: Die industrielle Revolution. Wesentlicher Schritt dafür war die Fähigkeit, ortunabhängig Energie zu erzeugen und zu transformieren, z.B. durch die Erfindung der Dampfmaschine. Hinzu kam die Entdeckung und Nutzung neuer Rohstoffe, was die menschliche Produktivität in neue Höhen katapultierte. In gewisser Weise vollzog sich auch eine zweite landwirtschaftliche Revolution durch die Nutzung moderner Technologien, was wiederum mehr Arbeitskräfte für Fabriken und Büros freisetzte. Leider alles auch mit den bekannten negativen Effekten, sowohl für die Nutztiere als auch die Menschen, sowohl physisch als auch psychisch. Ungeachtet dessen kam es schließlich, dass zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte das Angebot die Nachfrage übertraf. Das Konsumdenken war geboren, paradoxerweise scheinen ihm eher die ärmeren Schichten zu verfallen. Anstatt wie die Religion durch Sparsamkeit und Bescheidenheit verspricht die Werbung heute den Weg zum Paradies über den Konsum.

Bis weit übers Mittelalter lebten die Menschen nach den Zyklen der Natur, d.h. Sonnenstand, Wetter und Jahreszeiten. Mit der industriellen Revolution kam die Notwendigkeit, verschiedenste Dinge mehr zu synchronisieren, z.B. durch die Arbeitsteilung (Fließband) und die entstehenden Transportnetze. Im Jahr 1880 beschloss England erstmalig eine landesweit einheitliche Zeitrechnung. Die Uhrzeit bestimmte von nun an den Lebensrhythmus.

Andere Beispiele der Veränderung sind die Urbanisierung, die Entstehung des industriellen Proletariats, die Jugendkultur und die Demokratisierung. Den größten gesellschaftlichen Wandel brachte jedoch der Zerfall der familiären und lokalen Verbindungen, welche die Menschen über tausende von Jahren zusammengehalten hatten. Für fast alle menschlichen Bedürfnisse wurden in der engen Gemeinschaft gesorgt, auch die Könige hielten sich meistens raus. Bessere Kommunikations- und Transportmöglichkeiten, mehr Auswahl an Ausbildung und Arbeit sowie der Drang nach individueller Entfaltung begannen vor ca. 200 Jahren diese traditionellen Strukturen aufzubrechen. Anstelle der lokalen Gemeinschaft treten Gruppen, denen wir uns aufgrund ähnlicher Interessen oder anderer Gemeinsamkeiten (z.B. Nationalität) verbunden fühlen. Zahlreiche persönliche Angelegenheiten werden von nun an durch den (eher unpersönlichen) Staat und den Markt geregelt, bis hin zur Vorschrift von Rechten und Pflichten für Eltern gegenüber ihren Kindern, d.h. bis in die engsten Familienkreise.

Die Stärkung des Staates führte allgemeinhin zu einem deutlichen Rückgang der Gewalt. So starben im Jahr 2002 mehr Menschen durch eigenes Zutun als durch Fremdeinwirkung, d.h. durch Krieg, Terror oder Kriminalität. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sich auch die Imperialisten aus ihren Gebieten zurück, Kriege zwischen Staaten sind sehr selten geworden und ein Großteil der Menschheit erlebt seit nun mehr als 70 Jahren eine nie dagewesene Periode des Friedens und der Sicherheit. Als wesentliche Gründe dafür lassen sich die gestiegenen Kosten und die gesunkenen zu erwartenden Profite für eine bewaffnete Auseinandersetzung sowie eine weltweit eher pazifistisch orientierte regierende Elite ausmachen.

Eine Revolution des Glücks?

Damit sind wir in der heutigen Zeit angekommen und es stellt sich die Frage: Sind die Menschen in ihrer Entwicklung über die letzten Jahrtausende glücklicher geworden? Eine Frage zu der es bisher nicht nur wenig Forschung, sondern auch vor allem keine einfachen Antworten gibt. Steigender materieller Reichtum, bessere medizinische Versorgung (z.B. auch Reduktion der Kindersterblichkeit), (statistisch gesehen) mehr Sicherheit und Nahrung etc. mögen dazu beitragen, aber natürlich gibt es auch negative Stimmen (wachsende Ungleichheit, Entfremdung, Auflösung der Familien/ Gemeinschaften, neue Abhängigkeiten, „unnatürliche“ Lebensweise etc.). Bekanntlich hängt Glück eher von subjektiven als von objektiven Faktoren ab, d.h. von den persönlichen Erwartungen. Und auch diese haben sich über die Jahre verändert, in jünger Zeit vor allem auch durch die gestiegenen Vergleichsmöglichkeiten, z.B. durch die Globalisierung, Massenmedien etc. Objektive Forschung über die „Geschichte des Glücks“ ist daher eher schwierig und lässt keine eindeutigen Antworten erwarten. Glaubt man den Forschungsergebnissen der Biologie, so sind die persönlichen Glückszustände in unseren Genen ohnehin zwar individuell unterschiedlich, aber nahezu unveränderlich vorprogrammiert und dürften sich über die Zeit kaum verändert haben. So gesehen ist der Geschäftsmann von heute nach erfolgreiche Verhandlung ebenso glücklich wie der Bauer vor 200 Jahren nach erfolgreicher Ernte. Ebenso deutet die empirisch vielfach belegte Aussage „Verheiratete Menschen sind glücklicher“ eher auf eine Kausalität in die andere Richtung hin.

Für die meisten Menschen definiert sich Lebensglück jedoch nicht nur über aktuelles Vergnügen bedingt durch (temporär) hohe Serotoninwerte, sondern durch langfristigen Lebenssinn – wenngleich dies aus rein wissenschaftlicher Sicht eher eine (Selbst-)Täuschung ist. Bisher gibt es keinerlei Anzeichen für einen „übergeordneten Plan“ bzw. dass menschliches Leben gegenüber anderen Spezies in irgendeiner Weise bedeutungsvoller ist. Nun sind Vergnügen und Sinn individuelle Gefühle, typisch für eine liberale Erziehung, sehr unterschiedlich und in der Regel hoch volatil, was häufig zu großen Phasen der Unzufriedenheit führt. Die meisten Religionen setzen daher eher auf objektive Kriterien für ein glückliches Leben. Eine zentrale Lehre des Buddhismus zielt daher darauf ab, sich von den persönlichen Gefühlen (und dem Verlangen) zu lösen (z.B. durch Meditation), um dich selbst wirklich erkennen und Zufriedenheit im Hier und Jetzt zu finden.

Trotz all der beschriebenen Revolutionen ist der Mensch nach wie vor wie alle anderen Lebewesen ein Geschöpf der Biologie, d.h. das Ergebnis der natürlichen Evolution. In den letzten Jahren hat er allerdings die Fähigkeit entwickelt, diesen über Millionen Jahre gültigen Grundsatz zu durchbrechen: Seither entstehen neues Leben bzw. neue Lebensformen nicht nur durch natürliche Selektion, sondern auch durch intelligentes Design. Aktuell zeichnen sich drei Richtungen ab, die nicht nur technische, sondern auch große ethische, rechtliche und philosophische Fragen aufwerfen: (1) Die Gentechnik hat bereits einige aufschreckende Beispiele ihrer Fähigkeiten geliefert und die vollen Potentiale sind bei weitem noch nicht abschätzbar. (2) Lebendige Organismen, vor allem auch Menschen, und Maschinen vermischen sich zu sogenannten Cyborgs, um ihre Fähigkeiten zu erweitern. (3) Die zunehmende Rechenkapazität und Vernetzung ermöglichen es, völlig neue, anorganische Lebensformen zu entwickeln, die sich selbst fortpflanzen (kopieren), aber auch mutieren und damit einer neuen Art der Evolution unterwerfen.

Wie die Zukunft aussieht kann niemand genau sagen. Der Fortschritt der menschlichen Fähigkeiten speziell in den letzten Jahrzehnten legt jedoch die Möglichkeit nahe, dass wir, die aktuell Lebenden, zur einer der letzten Generationen der Homo Sapiens gehören. Die (technologische) Singularität scheint nicht mehr allzu fern. Wir sollten in Betracht ziehen, dass uns eine Intelligenz nachfolgt, die in Form und Wesen weit außerhalb unserer heutigen Vorstellungskraft liegt. Noch haben wir (eventuell) die Möglichkeit, hierzu die Richtung zu bestimmen. Der Autor Yuval Noah Harari widmet diesen wichtigen Fragen einen Fortsetzungsband mit dem Titel: „Homo Deus: A Brief History of Tomorrow“, der im September diesen Jahres erscheint.

Kategorien:Bücher
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