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Auf der Suche nach dem NetOpFü – Teil 2

Vorbemerkung: Den vorliegenden Text habe ich im Nachgang meiner Tätigkeit als Analyst beim Experiment „Gambling Umbrella 05“ im Juni 2005 in Rendsburg erstellt. Nachdem meine Nachbetrachtung der Vorgängerveranstaltung „Common Umbrella 2004“ für einige Begeisterung gesorgt hatte (zumindest inoffiziell), war von einigen Seiten eine Fortsetzung gewünscht worden. Wie schon 2004, ging es mir nicht darum, die durchaus positiven Ergebnisse der Veranstaltung zu verunglimpfen, gleichwohl aber in einer teilweise überspitzten und satirischen Darstellung einen Beitrag zu den „lessons learned“ liefern. Betrachtet wird die Unternehmung als Ganzes und nicht die Leistung bzw. das Verhalten einzelner Teilnehmer.

Es ist mal wieder Experiment-Zeit! Es geht mal wieder nach Norden! Die Jahreszeit ist gegenüber dem letzten Mal deutlich besser gewählt, dafür sitzen wir jetzt im Landesinneren… naja, man kann nicht alles haben, schließlich haben wir den heimischen Schreibtisch ja zum Dienst zwecks freien, konstruktiven Denkens verlassen. Diesmal ist ein ergebnisoffenes Discovery-Experiment geplant, so dass der Aufmarsch an Truppe und Gerät deutlich geringer ausfällt. 20 Organisatoren und 28 mehr oder weniger experimentierfreudige Experten aus allen TSK wagen einen „ersten Versuch“. Ziel ist es, sich in den nächsten fünf Tagen schwerpunktmäßig mit den „Konzeptionellen Gedanken zur Ausgestaltung des Gemeinsamen Rollenorientierten Einsatzlagebildes (GREL) zwecks Inititalisierung der Arbeiten auf dem Konzeptentwicklungspfad bei der Experimentübung Common Umbrella 05“ zu befassen. Gerüchteweise sollen hier angesichts des Titels einigen Experten schon erste Bedenken gekommen sein, was man da wohl mit ihnen vor hat bzw. was während dieser Woche von ihnen verlangt werden wird. Doch versprach ein Blick auf den befohlenen Anzug (Dienstanzug, kurzes Hemd), dass es so schlimm schon nicht werden konnte (obwohl einige Kameraden der erdverbundenen Fraktion dies gerüchteweise genau umgekehrt interpretiert haben sollen).

Los ging es mit einer eintägigen „Input-Phase“, d.h. einem Crash-Kurs zu Transformation, CD&E und dem aktuellen Stand GREL sowie einem spielerischen Einblick in die „Basics“ der Vernetzten Operationsführung. Entgegen der Hoffnung mancher Teilnehmer konnte dies allerdings die mangelnde Auseinandersetzung mit der Materie im Vorfeld (z.B. Lesen des Konzepts) nur unzureichend ausgleichen (wobei hier der Grund weniger im fehlenden Intellekt als in der Komplexität und dem Umfang des Stoffes an sich zu suchen ist). Auch der Plan, dies in den verbleibenden Abendstunden nachzuholen – bevor am nächsten Tag eigener Output gefordert war – scheiterte leider am zeitlichen Konflikt mit dem „Icebreaker“. Naja, alles halb so wild, der Leistungs- und Erfolgsdruck der Veranstaltung hält sich eh in Grenzen, ist ja schließlich alles ergebnisoffen.

Am nächsten Morgen begann dann die intensive Kleingruppenarbeit am und mit dem Konzept. Um die Ergebnisoffenheit und das freie Denken auf keinen Fall zu gefährden, wurde eine zu präzise Aufgabenstellung vermieden, und der Moderator konzentrierte sich auf die Einhaltung einer angenehmen und fairen Gesprächsatmosphäre. Wie in Hamburg beim vorangehenden 2-tages Moderations-Crash-Kurs durch den Fachbereich Führung und Management gelernt, heißt das Zauberwort Empathie. So entwickelte sich schnell eine sehr lebhafte und vor allem sehr abwechslungsreiche Gesprächsrunde zu diversen Grundlagenthemen der GREL-Welt. Dank der teilweise sehr freien Interpretierbarkeit des vorliegenden Konzepts waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Themen, über die sich in anderen Ländern Leute mit jahrelanger wissenschaftlicher Erfahrung den Kopf zerbrochen haben, werden doch schließlich von einer Handvoll ausgewachsener deutscher Stabsoffiziere in ein paar Tagen zu knacken sein. Auch wenn die beackerten Themenfelder weit jenseits des eigentlichen Expertentums des Experten lagen, handelt es sich schließlich um Themen von allgemeinem Interesse, da wird doch jeder kompetent mitreden können. Außerdem fordert Transformation ja explizit „thinking outside the box“.

Mal wieder eingesetzt als Analyst, musste ich jedoch überrascht feststellen, dass einige Beiträge einfach nur so weit outside jeder Box waren, dass es mir zeitweise sehr schwer fiel, meiner Rolle als unbeteiligter Beobachter mit striktem Kommunikationsverbot gerecht zu werden. OK, die Erkenntnis, dass das Konzept in einigen grundlegenden Punkten noch wesentlich ausführlicher werden muss, war nach ca. 20 Minuten im gruppenübergreifenden Konsens erlangt. Gleiches galt für die Tatsache, dass Abbildungen ohne ausreichende Erklärung möglicherweise jedem seine eigenen „mehr als 1000 Worte“ sagen. Aber anscheinend ist ergebnisoffen ein Gegenteil von ergebnisorientiert, und so steckte wohl auch hinter dem steinigen Weg der Selbsterkenntnis mit stundenlangen Diskussionen ohne Eingriff von außen ein Ziel des Experiments. Erstaunlicherweise tat dies der Laune und der Diskussionsfreude immer nur kurzzeitig einen Abbruch. Aber vielleicht sollte ja auch nur die nicht ganz unbekannte Tatsache bestätigt werden, dass die Überzeugung eines Offiziers in die eigene Expertise zur Transformation durch nichts so schnell erschüttert werden kann.

Die Tage vergingen und die Stimmung blieb trotz kurzzeitiger Keksquerelen allgemein gut. Außerdem wusste jeder, dass in diesen Streitkräften nichts so sicher kommt, wie das Wochenende, und so war am Freitag der Tag der Abschlusspräsentation. Gemäß der mehrfachen Ankündigung der Experimentleitung war jedes Ergebnis ein gutes Ergebnis, und so fiel es nicht schwer, aus den Diskussionen der vergangenen drei Tage einen zehnminütigen Vortrag zu erstellen. Zu meiner Beruhigung konnte ich feststellen, keinesfalls eine Ausnahmegruppe analysiert zu haben. Es bestätigte sich die über die Woche gewonnene Erkenntnis, dass dieser high manpower Ansatz das Konzept im wesentlichen in die Breite und nicht wirklich in die Tiefe getragen hatte. Auch widersprüchliche Erkenntnisse wurden als Erfolg gewertet („Auftragstaktik ist viel besser als Selbstsynchronisation“, „Auftragstaktik ist gleich Selbstsynchronisation“, „Selbstsynchronisation widerspricht der Auftragstaktik, weil ein US-Konzept, ergo: Befehlstaktik“…). Die Begeisterung über die Vielfältigkeit der Arbeitsergebnisse dank der freien (und ergebnisoffenen…) Arbeitsweise überwog dann auch über die Tatsache, dass die meisten Gruppen bei den eigentlichen Fragestellungen der Veranstaltung zu wenig verwertbaren Ergebnissen gekommen waren. Interessanterweise fielen leider aus Zeitgründen genau die Themenfelder unter den Tisch, in denen die Experten ihrem Ruf hätten gerecht werden können. Stattdessen wurde die Gemeinde mit Ansichten zur potentiellen Anzahl von GRELs und Informationsräumen behelligt, mit neuen Philosophien zu Push vs Pull und mit neuen Erkenntnissen zu Micromanagment und Information Overload. Immer wieder gern genommen ist auch die Warnung, nicht einfach blind US-Konzepte für die deutschen Streitkräfte zu übernehmen („Die haben ja gar nicht die Auftragstaktik!“). Während sich bei unseren Verbündeten Worte wie Chancen, Potenzial und neue Möglichkeiten in den Publikationen finden, ist man hierzulande halt lieber erst einmal skeptisch gegenüber Veränderungen und prüft sorgfältig und umfassend. Wichtig ist vor allem, die Bedenken und Gefahren zu thematisieren. Dies rechtfertigt zudem das vorsichtige Abwarten und bewahrt vor falschen Handlungen. Außerdem sind neue Ideen eh entweder Science Fiction, niemals finanzierbar oder es überwiegen die potenziellen Gefahren – sonst hätten wir sie doch schon lange umgesetzt, oder?

Fazit: Die ganze Veranstaltung war bewusst ergebnisoffen gehalten, war ein „erster Versuch“ und damit per Definition ein Erfolg. Alles andere wäre nicht stringent, und Stringenz in der Stringenz ist schließlich stringent durchzuhalten. Ähnlich der bewährten Strategie der Industrie ist der Bedarf geweckt, aber noch lange nicht befriedigt und sichert damit die Fortführung ohne derzeit konkrete Ergebnisse zu fordern. Außerdem war es ja von Anfang an klar: Gambling heißt nichts anderes als Glücksspiel und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Das Ergebnis steht allerdings nicht in unserer Macht. Glücklicherweise waren die Experten mit ihrem Beitrag allgemein zufrieden und bekundeten sogar ihr Interesse an der Umsetzung ihrer Erkenntnisse. Selbst einer weiteren Teilnahme an Experimenten steht nichts entgegen. CD&E ist schließlich erklärter Teil der Transformation und steht in der Konzeption der Bundeswehr (KdB). Auch wenn sich nur Rund die Hälfte der Experten letztere bisher als Lektüre gegönnt haben, haben sich das Interesse und die Weisungen der oberen Führung zu Transformation und CD&E mittlerweile rumgesprochen. Und wer will sich schon nachsagen lassen, nicht seinen Beitrag dazu zu leisten?

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 29. Februar 2016 um 22:03

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