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Schwarmdumm – eine Buchzusammenfassung

schwarmdummIm Jahr 2004 veröffentlichte James Surowiecki das wegweisende Buch The Wisdom of Crowds, welches unter dem Titel Die Weisheit der Vielen auch ins Deutsche übersetzt wurde. Darin beschreibt er anhand zahlreicher Beispiele die wesentlichen Prinzipien und Voraussetzungen für Schwarmintelligenz, d.h. wann Gruppen zu besseren Ergebnissen bzw. Entscheidungen kommen, als ihre einzelnen Mitglieder. Auch wenn Surowiecki die digitale Vernetzung höchstens am Rande thematisiert, fand das Buch insbesondere im Zusammenhang mit dem damaligen Aufkommen des partizipativen Internet (Web 2.0 etc.) große Beachtung. Gute Zusammenfassungen finden sich beispielsweise in der deutschen und englischen Wikipedia.

Vor einigen Monaten, also gut 10 Jahre später, veröffentlicht nun Gunter Dueck ein Buch mit dem Titel Schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam. und zeigt darin anschaulich auf, dass heutzutage besonders in der Geschäftswelt der Unternehmen und in großen Organisationen leider eher das Gegenteil von Schwarmintelligenz an der Tagesordnung ist. Zahlreiche intelligente Mitarbeiter bringen in ihrer Organisation als Gruppe deutlich schlechtere Ergebnisse, meist dumm-einfache Ergebnisse anstatt genial-einfache Ergebnisse. Endlose Meetings und Abstimmungsrunden, Kommunikationsprobleme, nervende Manager mit kurzfristigem Kennzahldenken, Zeit- und Zahlendruck, Ruf nach der „Extrameile“, Kontrolle und Statusreports, permanente Überwachung, Verkomplizierung der Abläufe durch Effizienzmanagement, zeitfressendes Tagesgeschäft und Zusatzaufgaben, Priorisierung nach Dringlichkeit statt Wichtigkeit, ereignisgetriebenes Arbeiten, ständige Umorganisationen, Angst vor Fehlern, Abteilungsdenken, fehlende Sicht auf das Ganze, lokale Optimierungsversuche, Menschen als austauschbare „Ressourcen“ … usw. machen die Organisation schwarmdumm und führen dazu, dass am Ende des Tages die Arbeitsergebnisse eher mittelmäßig und alle genervt und gestresst sind. Die oft zitierte unübersichtliche „Komplexität der Arbeit“ ist Folge der schwarmdummen Zusammenarbeit und nicht umgekehrt.

Natürlich träumen die Unternehmenslenker eher davon, in ihrem Verantwortungsbereich die „kollektive Intelligenz ihrer Mitarbeiter zu nutzen“ und Schwarmintelligenz zu entfachen. Häufig werden dabei Beispielen aus dem Internet oder der Start-Up Szene angeführt, dabei allerdings gerne übersehen, dass sich diese entscheidend von dem allgemein anzutreffenden Unternehmensumfeld unterscheiden. Im Internet z.B. finden sich aus einer großen Masse genau die Leute freiwillig zusammen, die Lust und Expertise haben, ein bestimmtes(!) Problem zu lösen. Wer nichts mehr beizutragen oder keine Lust mehr hat, verlässt das Team, ebenso wenn die Aufgabe gelöst wurde: „Neues Problem – neuer Schwarm.“

Im Unternehmensumfeld hingegen versuchen wir, die verschiedensten Aufgaben in immer gleicher Umgebung zu bearbeiten. Expertise und intrinsische Motivation spielen dabei eine nachgeordnete Rolle. In den Meetings treffen sich Kollegen, die eingeteilt wurden und nun zusammenarbeiten müssen, um ein Problem zu lösen. Zwar haben die Einzelnen (separat befragt) sehr wohl eine recht übereinstimmende Vorstellung, was zu verbessern wäre, die Realität sieht jedoch eher aus wie oben beschrieben. Wo also liegen die Ursachen?

Unereichbare Zielvorgaben als Hauptursache

Manager lieben Ziele. Diese sollen nicht nur die Richtung, sondern auch einen gewissen Druck vorgeben, d.h. für das notwendige Engagement der Mitarbeiter sorgen. Aus dem Drang stetiger Optimierung und dem Wettbewerb neigen wir dazu, statt realistischer Vorgaben zunehmend vermeintlich „mutige“, herausfordernde, ja utopische Ziele zu setzen. Nun, im Fernsehen mögen wir uns erfreuen, wenn andere in Castingshows o.ä. diesem Utopiesyndrom unterliegen, im eigenen Unternehmen ist diese Form des Dunning-Kruger-Effekt eher weniger lustig. Das Ergebnis sind in der Regel Stress, Druck, Konflikte, Schuldzuweisungen und Fehler. Trotz permanenter Überstunden bleiben die Ergebnisse weit unter den Erwartungen. Die Steigerung der Auslastung führt geradewegs in Chaos, was Dueck in seinem Buch mit der Warteschlagentheorie untermauert. Ab mehr als 85% Auslastung steigt die Warteschlange mit jedem weiteren Prozent enorm an (Video). Idealerweise sollten also die gefragtesten Menschen, z.B. die Manager, mit geringerer Auslastung arbeiten, um alles immer im Fluss halten zu können. Wichtigkeit bemisst sich allerdings heute vielfach an der Auslastung, so dass es zu einem weiteren schwarmdummen Effekt kommt, den Dueck als Systemic Underdelegation bezeichnet: „Wenn Arbeit knapp ist, verteilt sie sich nach oben.“ Mehr noch: Wenn alle hoch ausgelastet sind (oder dies zumindest zeigen wollen), kommt es zu einer Entfremdung vom Privatleben (angelehnt an PAS), d.h. keiner traut sich mehr über seine Freizeitaktivitäten zu sprechen, um ja kein Neid oder Missgunst bei den gestressten Kollegen hervorzurufen und als nicht ausreichend ausgelastet zu gelten. Stress führt zu Hass auf Kollegen im Flow oder Teams mit Schwarmintelligenz. Last, but not least machen Überstunden frei von Kritik: „Wir haben alles gegeben, mehr ging einfach nicht. Und ohne ein bisschen Schummeln wäre am Ende gar nichts herausgekommen.“

Zu viel Stress setzt mehrere Abwärtsspiralen in Gang. Zum einen passieren dadurch Fehler, dem das Management mit mehr Kontrollen und Vorschriften zu begegnen versucht. Die Mitarbeiter passen sich an und fokussieren ihre Anstrengungen nun auf die Kontrollen anstatt auf den Kunden. Zum anderen (ver-)führt Effizienzdruck dazu, opportunistisch Informationsvorteile gegenüber dem Kunden auszunutzen, was eine Abwärtsspirale nach dem Nobelpreisträger Robert Akerlof in Gang setzt. Infolge werden die Kunden immer misstrauischer und sind immer weniger bereit, angemessen zu bezahlen, was wiederum die Qualität des Angebots insgesamt senkt. Dueck folgert: „Wenn sich in einem Schwarm alle Intelligenten bemühen, alle anderen als Dumme Aufgefassten übers Ohr zu hauen, wird der Schwarm insgesamt dumm und misstrauisch.“ Die Book Smarts (gute Bildung, Anstand, Vernunft etc.) mutieren zu Street Smarts (guter Instinkt, Anpassungsfähigkeit, Cleverness und Fokus auf das Nächstliegende). Erstere machen sich Gedanken, wie die Welt sein könnte, letztere nehmen sie einfach wie sie ist. Schwarmdummheit ist die simple Konsequenz des Überlebenstriebs eines jeden Einzelnen. Book-Smarts denken in absoluten, Street-Smarts in relativen Kategorien. Erstere streben nach erstklassigen Lösungen, letztere geben sich mit zweit- oder drittklassigen Lösungen zufrieden. Damit geht ein wesentlicher Nährboden für Schwarmintelligenz verloren, die Organisation driftet in die Schwarmdummheit.

Wenn es an allen Ecken brennt, fokussiert sich das Management gerne immer auf das größte bzw. nächstliegende Problem und nimmt hektisch lokale Optimierungen vor. Sollten die Maßnahmen nicht zum Erfolg führen, wird einfach eine „neue Sau durchs Dorf getrieben“. Dabei am besten einfach am aktuellen Hype orientieren, da kann man ja schon nicht so viel falsch machen.

Eine weitere Quelle der Schwarmdummheit ist der beliebte Trugschluss, aus Korrelationen Kausalitäten oder gar simple Erfolgsformeln bzw. Allheilmittel abzuleiten, und dann danach entsprechende Maßnahmen anzustoßen. Beispiel: Umsatz und Kundenkontaktrate sinken. Ursache bzw. Lösung sind klar: Der Vertrieb muss wieder öfters zum Kunden!

Kennzahlen und Prozesse als Treiber

Manager lieben nicht nur Ziele, sondern vor allem auch Kennzahlen. In diesem Zusammenhang wurde im Jahr 1990 die Methode der Balanced Scorecard entwickelt. Eigentlich war sie als Instrument der ganzheitlichen Unternehmensführung gedacht, verkommt jedoch leider dazu, das Unternehmen mit einer Vielzahl an Kennzahlen zu „motivieren“ und ebenso nervende Kennzahlüberwacher zu beschäftigen. Infolge nehmen nicht nur die Ausreden zur Begründung der Untererfüllung zu, sondern auch die Tricks zur Aufbesserung, die weitere Energien fressen. (Im Buch gibt es dazu zahlreiche Beispiele.) Ähnliches gilt für alle Arten von Indikatoren, die angeblich über das Wohlergehen eines Unternehmens aussagen. Mitarbeiter konzentrieren ihre Energien nun in dumm-einfacher Weise darauf, genau die Indikatoren nach oben zu treiben, die bei ihrem Chef aktuell hohe Aufmerksamkeit haben. Die Sinnhaftigkeit wird dabei nicht weiter hinterfragt.

Im Unternehmen regieren nicht nur die Manager, sondern auch die Prozesse, die primär auf Effizienzsteigerung und Kosteneinsparung zielen. Im kräftezehrenden Tagesgeschäft, das vom Prozessdenken beherrscht wird, bleibt oft kein Platz für langfristige und mit hohen Unsicherheiten behaftete Aktivitäten wie Innovationen und Ausprobieren von alternativen Ansätzen. Wer für seine Projekte die zu erwartenden Kosten, den Nutzen und den Zeitplan nicht ausreichend darlegen kann, hat keine Chance. Stattdessen werden meist Aktionen gestartet, die die Akerlof Spirale (s.o.) weiter nach unten drehen. Als einzigen Ausweg empfiehlt Dueck, so lange „im Keller“, d.h. außerhalb der Wahrnehmung, zu arbeiten, wie es geht.

Natürlich darf in einem solchen Buch auch der Dauerbrenner Kommunikation nicht fehlen. Es vergeht wohl kaum ein Projektreviewmeeting in dem das Thema nicht auf den vordersten Plätzen der „was können wir beim nächsten Mal besser machen“ Liste landet. Anstatt sich hin und wieder auf eine Meta-Ebene zu begeben, verharren die Beteiligten in der Mesa-Kommunikation (Mesa = Nicht-Meta). Durch die unterschiedlichen Zielen, Interessen, Sichtweisen und Prägungen redet man permanent aneinander vorbei und es kommt zwangsläufig zu Missverständnissen, Unterstellungen und Konflikten. (Gunter Dueck hat dem Thema vor kurzem sogar ein eigenes Ebook gewidmet Verständigung im Turm zu Babel).

Letztendlich fällt die Schwarmdummheit einer Organisation auch wieder auf den Einzelnen zurück und macht ihn nicht nur zum hyperaktiven Street Smart, der opportunistisch ums Überleben kämpft, sondern auch neurotisch. Viele Manager und langjährige Angestellte eines großen Unternehmens würden wohl anstandslos die Kriterien einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung erfüllen. Die einzelnen Menschen als auch der Schwarm als Ganzes schaden anderen, ohne sich selbst zu nützen. Sie erfüllen damit die Prinzipien der menschlichen Dummheit nach Carlo M. Cipolla.

Im letzten Kapitel versucht Dueck, ein paar Auswege aus der Schwarmdummheit zu formulieren, muss allerdings selbst zugeben, dass es keine allgemeinen Patentrezepte gibt. Zu seinen Vorschlägen gehören u.a. „Führen im Sinne von Führen von Freiwilligen“ und „Wetteifer statt Wettbewerb“ sowie eine Aufbruchstimmung mit visionären, aber erreichbaren Zielen zu erzeugen und den Tipping Point zu erreichen. Im Aufbruch zu neuen Ufern, der idealerweise alle mitreißt, bleibt einfach keine Zeit für Schwarmdummheit.

Fazit

Ehrlich gesagt war „Schwarmdumm“ das erste Buch von Gunter Dueck, das ich von Anfang bis zum Ende gelesen habe. Viele seiner Beispiele decken sich mit meinen Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag diverser Unternehmen. Dueck hält uns (wie in so vielen seiner Vorträge) auf unterhaltsame Weise einen Spiegel vor. Auch wenn er am Ende des Buches nur wenig konkrete Vorschläge liefert, so liegt in der Selbsterkenntnis bekanntlich der erste Schritt zur Verbesserung. Denn wie er selbst schreibt: „Die meisten Menschen erklären das Schlechte im Leben mit der Bösartigkeit oder der Gier Anderer, aber es ist die Schwarmdummheit, die noch fast niemand auf dem Radar hat.“ Schwarmdummheit war auch Thema seiner diesjährigen Rede auf der re:publica.

Kategorien:Bücher
  1. omx123
    22. Juni 2015 um 07:29

    Schon Gustave Le Bon sagte, dass Voltaire klüger ist als die Masse. Damals (Ende 19. Jahrhundert) ging man aber noch davon aus, dass es eine (!) Wahrheit gibt und nicht viele Wahrheiten. Die Dummheit des Schwarms ist ebenso wie die Dummheit einzelner die konsequente Folge einer immer komplexer werdenden, sich rasch wandelnden Welt, in der immer ehrgeizigere Business-Ziele gesteckt werden. Den diesbezüglichen Ausweg kennt vermutlich nur der liebe Gott.

    p.s.: die Rezension ist sehr gut geschrieben und macht Lust, das Buch zu erwerben!

  2. sere
    11. April 2016 um 16:29

    Es gibt auch heute nur eine Wahrheit.

  1. 1. April 2016 um 08:25

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