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Von der Vernetzung zur Vernetzten Operationsführung

Vorbemerkung: Der folgende, etwas längere Artikel erschien im Monatsmagazin Europäische Sicherheit, Ausgabe 12/2004, also vor ziemlich genau 10 Jahren. Er bildet in gewisser Weise die Grundlage zahlreicher Ideen und Theorien, die ich in nachfolgenden Beiträgen (u.a. auch auf diesem Blog) immer wieder aufgegriffen und weiterentwickelt habe.

Seit der Antike galt der Krieg als Vater aller Dinge. Mit anderen Worten, Krieg war die Quelle technischen Fortschritts. Bis in das späte 20. Jahrhundert waren technische Neuerungen vielfach Abfallprodukte der Militärtechnik. Heute ist es eher umgekehrt. Auf der Suche nach neuen Produkten ist es die zivile Industrie, wo die Erforschung neuer Technologien und der technische Fortschritt vorangetrieben wird. Dies gilt insbesondere für die Bereiche der Kommunikations- und Informationstechnik sowie der Materialentwicklung, die auch den Streitkräften völlig neue Möglichkeiten der Organisation und Führung eröffnen. Diese angesichts der Unsicherheiten in der sicherheitspolitischen Entwicklung konsequent zu nutzen, ist der Kern der sogenannten Transformation der Streitkräfte. Nicht zuletzt um die Fähigkeit zu gemeinsamen Operationen zu sichern, hat sich nunmehr auch die Bundeswehr entschlossen, den von ihren wichtigsten Bündnispartnern seit längerem beschrittenen Weg der Transformation zu gehen.

Ein wesentliches Element der Transformation ist die sogenannte Vernetzte Operationsführung (NetOpFü). [FN: „Vernetzte Operationsführung“ (NetOpFü) bezeichnet den durch den Führungsstab der Streitkräfte gebilligten deutschen Begriff für die von amerikanischer Seite geprägte Bezeichnung „Network Centric Warfare“ (NCW).] Sie soll durch die Anwendung moderner Kommunikations- und Datenverarbeitungs-technologie eine effiziente und effektive Nutzung aller vorhandenen Ressourcen der Streitkräfte über alle (bisherigen) Organisationsgrenzen hinweg ermöglichen, um eine neue Qualität der Wirkungsüberlegenheit zu erlangen. Dabei wird insbesondere der Ressource „Information“ eine immer größere Bedeutung zugemessen und postuliert, dass durch entsprechendes Informations-Management und Informationsüberlegenheit der in konkreten Situationen erforderliche Kräfteansatz vergleichsweise gering gehalten werden kann (Stichwort: „Move Information, not people“).

Bei der Vorstellung der Konzepte der NetOpFü wird häufig eingewendet, dass die neuen Ideen „zwar interessant, aber nicht finanzierbar“ und außerdem schon lange bekannt seien und ihre Realisierung nichts brächte außer Aufwand und erneute Umstrukturierungsmaßnahmen (Stichwort „Alter Wein in neuen Schläuchen“). Ziel dieses Beitrages ist es daher, einige Aspekte von NetOpFü und damit verbundenen grundlegenden Veränderungen zu beleuchten, die nach Meinung des Verfassers insbesondere in deutschen Veröffentlichungen bisher nur unzureichend behandelt wurden und deren Umsetzung nur in zweiter Linie eine Frage des Geldes ist. [FN: Die wesentlichen Gedanken dieses Beitrags basieren auf dem Buch von Alberts, David S., Hayes, Richard E.: Power to the Edge: Command and Control in the Information Age (CCRP Publication Series, 2003), so dass im folgenden nicht mehr gesondert darauf verwiesen wird.]

Die verschiedenen Ebenen der Realität – Ansatzpunkte für Veränderungen

Diskussionen über militärische Fähigkeiten und Wirksamkeit beschränken sich nicht selten auf Art und Umfang von Material und Personal. Ohne Zweifel sind sie es, die letztendlich die gewünschte Wirkung entfalten, doch lassen sich neben dieser sichtbaren physischen Realität noch weitere Ebenen identifizieren, die einen erheblichen Einfluss auf die Effizienz und schließlich auch Effektivität einer Streitmacht haben. Der angestrebte Prozess der Veränderung wurde daher bewusst mit dem Begriff Transformation betitelt, um die grundlegenden und umfassenden Umgestaltungen zu verdeutlichen, die weit über eine Modernisierung des bisher Vorhandenen im Sinne von „schneller, höher, weiter“ hinausgehen.

Streitkräfte bestehen aus einer Vielzahl von Elementen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die in einer gemeinsamen, idealerweise „synergetischen“ Operation zur Wirkung gebracht werden sollen. Dies erfordert den Austausch an Information und letztendlich koordinierter Entscheidungen. Mit anderen Worten, neben der physischen Realität (alle sichtbaren Elemente und ihre Interaktionen) gilt es die Ebenen der Information (Art und Weise der Informationsverarbeitung und –verfügbarkeit) und der Kognition zu berücksichtigen. Letztere beschreibt das Verhalten des einzelnen Menschen und umfasst damit die individuelle Wahrnehmung der Lage sowie alle weiteren Faktoren (Ausbildung, Verhaltensmuster, Erfahrung, Einstellung etc.), die den individuellen Entscheidungsprozess beeinflussen.

Sinn und Zweck der differenzierten Betrachtung ist die Erkenntnis, dass grundlegende Veränderungen nur dann die gewünschte Wirkung erzielen, wenn der Transformationsprozess alle relevanten Ebenen mit einbezieht. Vom theoretischen Standpunkt aus, ist diese Erkenntnis eine Trivialität, die Praxis hält jedoch genügend Beispiele parat, in denen genau dies missachtet wurde. Genauso wenig wie sich die Vorteile von Feuerwaffen mit der Taktik römischer Legionen entfalten ließen, wird sich NetOpFü alleine durch Bereitstellung der Finanzmittel zum Kauf modernster Technologie realisieren lassen.

Vernetzung und Nutzung

Einen wesentlichen Baustein von NetOpFü bildet das sogenannte Common Relevant Operational Picture (CROP). Ziel ist es, basierend auf einem gemeinsamen aktuellen Lagebild (Stichwort „Common“) jederzeit eine ebenen- bzw. bedarfsgerechte Darstellung (Stichwort „Relevant“) der vorhandenen Informationen zu gewährleisten. Hintergrund dieser Bestrebungen ist das Ziel einer vollständigen, organisationsüberschreitenden Vernetzung aller beteiligten Elemente (Sensoren, Effektoren, Entscheider etc.). Häufig wird in diesem Zusammenhang auf den Übergang von Hierarchie-Organisationen zu Netzwerkstrukturen verwiesen und dies an Darstellungen wie die folgende Abbildung illustriert.

Hierarchie vs. Netzwerkstruktur

Hierarchie vs. Netzwerkstruktur

Der Vorteil einer Hierarchie liegt in den klar und eindeutig vorgegebenen Informations¬beziehungen (engl. stovepipes). Jeder weiß, wem er zu melden bzw. zu befehlen hat. In der Praxis erweist sich diese starre Gliederung jedoch insbesondere hinsichtlich der zunehmend geforderten Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit als hinderlich bzw. ineffizient. Der Austausch von Informationen zwischen zwei Einheiten auf der untersten Schicht, d.h. der so genannten Arbeitsebene, muss im schlimmsten Fall die vollständige Hierarchie einmal von unten nach ganz oben und wieder zurück durchlaufen. Verzögerungen und vielfach auch Informationsverluste sind vorprogrammiert. Direkte horizontale Querverbindungen sind per Definition nicht vorgesehen und werden zudem mit dem Verweis auf den beschränkten Überblick nicht als zweckmäßig erachtet. Wer jedoch in einer hierarchischen Organisation arbeitet, wird oftmals den kurzen Dienstweg aufgrund persönlicher Beziehungen zu schätzen wissen und den Zeitgewinn erst dann bemerken, wenn es an anderer Stelle am entsprechenden „Vitamin B“ fehlt.

Doch liegt nun wirklich der Kern von NetOpFü alleine darin, diese „veralteten“ Strukturen aufzulösen und durch vollkommene Vernetzung wie in der Abbildung zu ersetzen? Warum sind wir da erst jetzt drauf gekommen, bzw. was ist daran überhaupt neu? Häufig wird auch eingewendet, dass ja schließlich schon heute jeder mit jedem vernetzt ist. Z.B. kann jeder jeden anrufen bzw. neuerdings an jeden eine Email schreiben. Also alles schon NetOpFü?

Der Kern des Problems und auch des Ansatzes liegt weitaus tiefer. In wie weit sich durch NetOpFü die traditionellen Hierarchien bezüglich der Befehls- und Kommandostruktur ändern oder gar ganz auflösen werden, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen und dazu soll in diesem Beitrag auch keine Aussage getroffen werden. Sicher ist jedoch, dass die bisher praktizierte Art und Weise des Informationsaustausches (und darauf bezieht sich die obige Abbildung) für eine effiziente Vernetzte Operationsführung weitgehend unzureichend ist.

Paradigmenwechsel bei der Verantwortung im Informationsaustausch

Es sei deutlich herausgestellt, dass die Idee von NetOpFü nicht darin liegt, dass fortan jeder mit jedem Daten austauschen muss. Ziel ist es vielmehr, dass jeder prinzipiell mit jedem vernetzt ist, damit sich die tatsächlichen Kommunikationsbeziehungen dynamisch während der Operation entwickeln, d.h. bei Bedarf entstehen bzw. wieder verschwinden. Angestrebt wird eine dynamische, reaktive Struktur, die eine maximale Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf die tatsächlichen Gegebenheiten zu gewährleistet. [FN: In der US-Literatur wird als Antwort auf Unsicherheit und Risiko häufig das Wort Agility verwendet, welches die Eigenschaften robust, elastisch, reaktionsschnell, flexibel, innovativ und anpassungsfähig (robust, resilient, responsive, flexible, innovative und adaptive) umfasst.] Dahinter verbirgt sich nicht mehr und nicht weniger als die (theoretisch) einfache Zielvorstellung, die Informationen in der richtigen Qualität zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar zu haben. Die zentrale Frage, die sich dabei ergibt, liegt auf der Hand: Wie soll entschieden werden, was für wen wichtig ist?

Abstrakt betrachtet, handelt es sich um die simple Aufgabe, wie in einem Raum mit einer Vielzahl unabhängiger Akteure (Sensoren, Effektoren etc.) die Kommunikation möglichst effizient gelöst werden kann. Dazu sollen im folgenden kurz die wesentlichen Eigenschaften der heute gebräuchlichen Wege der Nachrichtenübermittlung dargestellt werden.

Die Verbreitung des Telefons erbrachte den Vorteil, dass sich Sender und Empfänger an verschiedenen Orten aufhalten können. Die Einführung eines Emailsystems geht noch einen Schritt weiter und ermöglicht zudem eine verbindungslose Form der Kommunikation, d.h. Senden und Empfangen kann zeitlich versetzt erfolgen. Darüber hinaus kann eine Nachricht gleichzeitig über entsprechende Verteileradressen an mehrere Empfänger übermittelt werden.

Trotz dieser Errungenschaft von räumlich und zeitlich asynchroner Kommunikation verbleibt jedoch stets der wesentliche Teil der Verantwortung beim Informationsbesitzer, d.h. beim Sender. Er muss wissen und entscheiden, für wen die Information wichtig ist und entsprechend handeln. In einer Organisation mit klar geregelten Meldewegen (z.B. strikte Hierarchie) stellt dies kein Problem dar. In einer vollständig vernetzten Welt wird dies aber sehr wohl zu einer Herausforderung. Mit der Möglichkeit mit einem Mausklick eine nahezu unbegrenzte Anzahl an potentiell Interessierten zu erreichen, führt dies unweigerlich dazu, dass – gemäß dem guten alten Grundsatz „Melden macht frei!“ – lieber einer mehr als zu wenig informiert wird. Ob die Information die richtigen Empfänger erreicht, bleibt immer noch fraglich, sicher ist jedoch, dass sich bei allen Beteiligten die Briefkästen füllen. Als Resultat klagen alle über überfüllte Mailboxen, aus denen die wirklich wichtigen Informationen herauszufischen zuweilen sehr zeitaufwendig und mühsam ist. Darüber hinaus ist diese Methode nicht nur für den Menschen belastend, sondern verschlingt durch die vielfachen Redundanzen, insbesondere bei Verwendung von Dateianhängen, unnötige Systemressourcen.

Ein Ansatz, den Spagat zwischen der Versorgung der richtigen Empfänger einerseits und der Vermeidung einer Informationsüberflutung andererseits zu überwinden, liegt in einer grundlegenden Umkehr der Verantwortlichkeiten. Zukünftig wird nicht mehr der Besitzer der Information die Verantwortung tragen, dass sie den richtigen Empfänger erreicht, sondern die Empfänger stehen verstärkt in der Pflicht, selbst die Informationen abzurufen, die sie benötigen. Diesem Ansatz liegt die einfache Annahme zugrunde, dass jeder selbst am besten wissen sollte, was für ihn im Moment am wichtig ist.

In der amerikanischen Literatur wird dieser Paradigmenwechsel als Übergang von einer Push in eine Post & Pull Umgebung bezeichnet. Informationen werden (wo immer sinnvoll) ohne gezielte Empfänger zur Verfügung gestellt („gepostet“) und jeder kann abgreifen („pullen“), was er benötigt.

Realisation eines nachfrageorientierten Netzwerks

Das Leben in einer Post & Pull-Gesellschaft stellt eine der wirklichen Neuerung im Kontext von NetOpFü dar, da diese Vorgehensweise erst durch die allgemeine Vernetzung in Verbindung mit moderner EDV-Technik ermöglicht wird. Nur moderne, vernetzte IT-Systeme bieten die Funktionalität, Informationen verteilt aufzunehmen, zu verwalten und in geeigneter Form wieder zur Verfügung zu stellen. Während ein Emailsystem im wesentlichen nur eine schnellere Form des Briefeschreibens darstellt, bieten die Einrichtung von dynamischen „virtuellen“ Projektteams oder die Nutzung von weltweiten Informations- und Diskussionsforen (Newsgroups, Groupware, Collaborative Information Environment) eine wirkliche neue Qualität der Informationsverarbeitung bzw. neue Organisationsmöglichkeiten des gemeinsamen Workflows. Letztere basieren grundlegend auf dem Post & Pull Prinzip und bieten gegenüber dem Emailverkehr die oben genannten Vorteile.

Kern der zukünftigen Kommunikationsarchitektur ist ein allumfassender Informationsraum, realisiert in Form des sogenannten Global Information Grid (GIG), zu dem jeder Zugriff hat. Ziel der Architektur ist es, dass jeder Informationen im GIG für andere bereitstellen kann („posten“), ohne die einzelnen Empfänger vorher zu kennen bzw. sich darüber Gedanken machen zu müssen. Damit dies effizient funktioniert, müssen die Daten so abgelegt werden, dass sie auch leicht wieder auffindbar sind. Denkbar ist hier die Vorgabe, jede Nachricht mit entsprechenden Metadaten, d.h. Schlüsselwörtern, anzureichern. [FN: Bei der Verwendung von Metadaten hat sich vor allem bewährt, bereits eine Menge von Schlüsselwörtern vorzugeben, um den Suchraum nicht unnötig zu vergrößern und die Verwendung semantisch ähnlicher Wörter einzuschränken.] Der potentielle Nutzer kann dann, unterstützt durch intelligente Suchmaschinen, nach den für ihn derzeit interessanten Informationen suchen („pullen“). Im weitesten Sinne entspricht dies dem normalen Vorgehen bei der Informationsversorgung aus dem Internet (z.B. über Google o.ä.), wobei zusätzliche Funktionalitäten hilfreich sind, die eine rasche Einschränkung des Suchraumes ermöglichen.

Natürlich kann es nicht das Ziel sein, dass zukünftig jede einzelne Nachricht durch einen mühsamen Suchprozess aufgespürt und abgerufen werden muss. Vielmehr müssen auf Empfängerseite entsprechende Werkzeuge bereitgestellt werden, die eine weitgehend automatisierte Versorgung des wiederkehrenden Informationsbasisbedarfs gewährleisten. Im Gegensatz zu den bisherigen Ansätzen können diese Info-Abonnements durch den Nutzer situationsabhängig angepasst werden.

Der kritische Faktor für das Vertrauen der Nutzer und damit für den tatsächlichen Gebrauch des gesamten Systems liegt zweifelsohne in der Sicherheit. Hier sind entsprechende Mechanismen zu entwickeln, um einem Missbrauch vorzubeugen bzw. Geheimhaltungsvorgaben einzuhalten. Denkbare Ansätze sind die Vergabe rollenbasierter Profile, die einzelnen Benutzter mit unterschiedlichen Rechten ausstatten sowie Identifizierungs- und Aufzeichnungsverfahren, die es erlauben, unübliches Verhalten schnell aufzudecken und zurückzuverfolgen.

Neben der richtigen Verteilung der Information liegt ein weiteres Ziel von NetOpFü in der übergreifenden Nutzbarkeit der Daten, d.h. die verfügbaren Daten sollen möglichst automatisiert in unterschiedlichen Applikationen verarbeitet werden können. Die Herausforderung dazu liegt in einer entsprechenden Standardisierung der Datenmodelle (Stichwort data-centric statt application-centric). Mit modernen Ansätzen wie XML und Webservices soll sowohl die technische als auch die semantische (mit Einschränkungen) Kopplung ermöglicht werden.

Die neue Rolle des Einzelnen

Wie oben angeführt, stellt die Technik in einem Transformationsprozess nur ein Teil des Problems dar. Letztendlich bedeutet der Übergang zu einer „Post & Pull“- Kommunikation lediglich eine Verlagerung der Verantwortlichkeiten. Die Technik kann hier nur bis zu einem gewissen Grad unterstützen.

Fakt ist, dass das Gesamtsystem nur dann die gewünschten Vorteile bringt, wenn alle Beteiligten sich entsprechend verhalten. Viele Groupwareprojekte „schlafen ein“, weil keiner was macht, weil keiner was macht. Kern der neuen Kultur ist es, dass der Informationsbesitzer seine Daten unaufgefordert zur Verfügung stellt und sich auf der anderen Seite der Empfänger aktiv um die für ihn wichtigen Daten bemüht. Eine Kontrolle oder Koordinierung des gesamten Prozesses von oben oder sonst einer zentralen Stelle ist nicht vorgesehen. Somit wird jeder einzelne wichtig und muss sich über die Konsequenzen seiner Handlung – als Informationsbesitzer wie auch als Nachfrager – bewusst sein. Bildlich gesprochen wandert die Macht von der Spitze an den Rand des Systems. Dies begründet im wesentlichen den Titel des Buches „Power to the Edge“.

Erste Ansätze dieser Verschiebung lassen sich bereits bei der Einführung von SASPF (Standard-Anwendungs-Software-Produkt-Familien) erkennen. Beispielsweise melden eine Vielzahl von Technikern dem System den Bestand an gewissen Bauteilen vor Ort. Das Programm errechnet automatisch den Gesamtbestand im System, den ein Logistiker später abruft oder der General in seinem Vortrag verwendet. Ein Meldeweg über die Hierarchie mit entsprechender Kontrolle ist nicht vorgesehen.

Natürlich lässt sich jede Nachricht durch eine eindeutige Identifikation zum Urheber zurückverfolgen, doch ist dies erstens aufwendig und zweitens nicht im Sinne der Idee. Vielmehr soll sich durch die selbstverständliche Bereitstellung von Informationen in das System und die selbständige Versorgung mit Daten aus dem System eine selbstsynchronisierende Organisation, ja eher sogar ein „Organismus“, ergeben. Zukünftig lassen sich Informationsdefizite nur noch bedingt mit Ausreden wie „Davon habe ich nichts gewusst.“ bzw. „Davon hat man mir nichts gesagt.“ rechtfertigen.

Die Vision der Selbstsynchronisation

Im Sinne von NetOpFü beschreibt Selbstsynchronisation im wesentlichen die Idee, dass eine Vielzahl selbständig agierender Einheiten ein gemeinsames Ziel aufgrund eines gemeinsamen Lageverständnisses erreichen, welches sich auf Basis einer entsprechenden Ausbildung und einer vorgegebenen Zielsetzung (Commanders Intent) aus dem gemeinsamen Lagebild (als einzige dynamischer Komponente) ergibt. Die individuelle Kommunikation geht gegen Null, ebenso gibt es keine zentrale Steuerung während der Operation. Die Aktionen der einzelnen Einheiten werden unmittelbar im gemeinsamen Lagebild sichtbar, beeinflussen sich damit wechselseitig und fügen sich einzig dadurch schließlich zu einem sinnvollen Ganzen.

Wie die folgende Abbildung verdeutlicht, ist der Weg zur selbstsynchronisierten Operationsführung eng an die Entwicklung eines gemeinsamen Lageverständnisses und dessen Umsetzung in veränderte Führungsverfahren gekoppelt. Stufe 0 beschreibt eine starre, „plattform-zentrierte“ Organisationsstruktur mit limitiertem und fest vorgegebenem Informationsfluss und eingeschränkter Interoperabilität. Zur Informations¬versorgung wird (weitgehend exklusiv) eine eigene, beschränkte Anzahl an Quellen (Sensoren) verwendet, so dass nur eine beschränkte Informationsnutzung stattfindet. In Stufe 1 erfolgt eine technische Vernetzung der Einheiten (z.B. durch Telefon oder Email), die Führungsstrukturen und -verfahren bleiben jedoch unverändert. Somit sind mehr Einheiten in der Lage, Informationen gemeinsam zu nutzen. Stufe 2 schafft neben der technischen auch eine Interoperabilität auf der organisatorischen Ebene, d.h. die gemeinsam geschaffenen Informationsräume werden zur kooperativen Planung genutzt. Dies führt zu einem gemeinsamen, umfassenden Lageverständnis, so dass in Stufe 3 auf Basis der identischen Wahrnehmung der Situation eine kognitive Interoperabilität erreicht wird und auf der Grundlage eines gemeinsamen Kenntnisstandes Planungen durchgeführt bzw. Entscheidungen getroffen werden. Die Kommunikation wird gehaltvoller und nimmt rein quantitativ gegenüber Stufe 2 möglicherweise sogar ab. Stufe 4 erfordert schließlich zudem soziale Interoperabilität, so dass eine Selbstsynchronisation der Maßnahmen stattfinden kann. Organisation, Struktur, Taktik, Führungsverfahren und vor allem die beteiligten Menschen sind vollständig integriert und auf selbstsynchronisierendes Verhalten ausgerichtet.

Der Weg zur selbstsynchronisierten Operationsführung nach Alberts, David S. et al.: Understanding Information Age Warfare. CCRP Publication Series, 2001.

Der Weg zur selbstsynchronisierten Operationsführung nach Alberts, David S. et al.: Understanding Information Age Warfare. CCRP Publication Series, 2001.

Diese Entwicklung lässt sich vereinfacht am Trainingsfortschritt einer Fußballmannschaft illustrieren. Zu Beginn ist jeder primär mit seinen eigenen fußballerischen Fähigkeiten beschäftigt und es ist ein beträchtlicher Einfluss von außen durch den Trainer notwendig. Den Spielern werden entsprechende Positionen zugewiesen und sie lernen, auf Standardsituation zu reagieren. Mit zunehmender Fertigkeit wächst während des Spiels der Blick für das gemeinsame Lagebild und führt schließlich mit zunehmendem Trainingsstand der gesamten Mannschaft zu einem gemeinsamen Lageverständnis. Die Einflussnahme des Trainers geht zurück und das Spiel wird insgesamt „flüssiger“. Gute Spieler werden zudem je nach Situation selbständig ihre zugewiesenen Positionen verlassen und der Lage sowie ihren Fähigkeiten entsprechend in das Spiel eingreifen. Diese Fähigkeit, mit möglichst wenig direkter Kommunikation eine hohe Dynamik und Reaktionsfähigkeit zu entfalten, entscheidet nicht selten über Sieg oder Niederlage einer Mannschaft.

Selbstsynchronisation vs. Auftragstaktik

Häufig wird in der Diskussion um NetOpFü-taugliche Führungsverfahren insbesondere von deutscher Seite stolz auf die (immer schon praktizierte) Auftragstaktik verwiesen, um sich dann entspannt zurückzulehnen. Sicherlich wird durch die Auftragstaktik gegenüber der Befehlstaktik ein größeres Maß an Verantwortung auf die untergeordneten Ebenen übertragen. Doch auch die Auftragstaktik ist eng mit einer hierarchischen Organisationsform verbunden. Auf jeder Ebene werden Aufträge in entsprechende Unteraufträge aufgeteilt und an die untergeordneten Elemente weitergegeben. Die Verantwortung für die Art der Auftragserfüllung (das „wie“) wird nach unten übertragen, das „was“ und „wer“ wird von oben geordnet und abgegrenzt.

Selbstsynchronisation zielt nun im wesentlichen auf eine Aufweichung dieser Vorgaben. Durch das gemeinsame Lagebild wird das Argument des beschränkten Überblicks untergeordneter Ebenen hinfällig, so dass genau derjenige den Auftrag übernehmen soll, der aktuell am besten dazu in der Lage ist (Stichwort: Führen durch Kompetenz, nicht durch Position; „Tue, was Sinn macht“ statt „Tue, was befohlen wird“). Dies erfordert von jedem Einzelnen eine deutlich gesteigertes Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative. Jeder ist immer „in charge“, die Macht und die Verantwortung liegen am „Rand“ des Systems (Power to the Edge!). Das oben beschriebene „Pull“-Prinzip schließt somit neben der reinen Informationsbeschaffung auch die Selbstversorgung mit Aufträgen ein. [FN: Seitens der Technik lässt sich eine dynamische Auftragsverteilung beispielsweise mit einer Art „Marktplatz der Aufträge“ unterstützen, so dass für jeden ersichtlich ist, wo einerseits Bedarf ist und andererseits, wer welchen Auftrag bereits übernommen hat. Im Sinne der Idealform der Selbstsynchronisation wird dieses Hilfsmittel allerdings überflüssig bzw. vollständig in das gemeinsame Lagebild (CROP) integriert. In wie weit das in der Praxis bis zur welchem Umfang funktioniert, wird sich zeigen.] Ziel ist es, eine möglichst optimale Aufteilung der Arbeit zu erreichen und zugleich erheblich reaktionsschneller zu werden, da keine Hierarchiestufen durchlaufen werden müssen. [FN: Untersuchungen haben ergeben, dass für einen Engagement-Kill Cycle von 20 Minuten 18 Minuten auf den Führungsprozess entfallen. Was bringt es da, die technische Leistung um 50% zu steigern?]

Im Idealfall verbleibt der oberen Führung im wesentlichen, für erfolgsbegünstigende Rahmen-bedingungen zu sorgen und eine Absicht mit zugehörigen Zielen und Schwerpunkten zu verbreiten (Commanders Intent). Die Aufgabe der Kontrolle entfällt weitgehend, da dies eine inhärente Eigenschaft des Systems darstellt. Durch das gemeinsame Lagebild kontrollieren sich alle Beteiligten ständig wechselseitig und „konvergieren“ so automatisch zur richtigen Lösung. Lediglich in Ausnahmesituationen, d.h. wenn „die Sache aus dem Ruder läuft“, sind durch die Führung entsprechende Maßnahmen zu treffen (Stichwort: management by exception).

In dieser Beziehung gehen die hier beschriebenen Konzepte der Selbstsynchronisation auch über die vielfach zitierten Prinzipien eines Ameisenhaufens hinaus. Auch bei einem Ameisenhaufen handelt es sich um ein System autonom agierender Elemente, die ohne zentrale Führung durch lokales Handeln ein sinnvolles Ganzes erbringen, d.h. eine gemeinsame Problemlösungsstrategie verfolgen. Eine einzelne Ameise kann jedoch nur ihre unmittelbare Umgebung wahrnehmen. Ein gemeinsames Lagebild bzw. sogar Lageverständnis gibt es nicht. Das individuelle Verhalten wird nur auf Basis eines sehr beschränkten Blickwinkels bestimmt und lässt sich meist durch recht einfache Prinzipien beschreiben, welche global gesehen durchaus zu sehr erstaunlichen Ergebnissen führen können (vgl. beispielsweise Bonabeau, Eric, Dorigo, Marco, Theraulaz, Guy: Swarm Intelligence: From Natural to Artificial Systems. Oxford University Press, Santa Fe Institute Studies in the Science of Complexity, 1999). Es ist daher zu erwarten, dass durch zusätzliche Informationen (wie z.B. ein CROP), eine weitere Steigerung möglich wird.

Darüber hinaus werden angelehnt an das Verhalten von Fischschwärmen aktuell unter dem Stichwort Swarming entsprechende Algorithmen untersucht, die sicherlich im Bereich der Robotik und Unmanned Arial Vehicle (UAV) ihre Anwendung finden werden. In wie weit sich dabei durch entsprechende Kommunikationsmodelle Erkenntnisse für die NetOpFü und die Selbstsynchronisation realer Menschen gewinnen lassen, wird sich zeigen.

Der Weg zur Vernetzten Operationsführung

Zugegeben, die oben angeführten Theorien klingen aus heutiger Sicht noch sehr visionär und für die viele Menschen vermutlich gar utopisch. Insbesondere bei der beschriebenen Form der „Selbstsynchronisation in Vollendung“ ist die Frage nach der Realisierbarkeit mit realen Menschen mehr als berechtigt; mit welchem Zeithorizont auch immer. Sogar die Experten geben zu, dass das wirkliche Buch zu vernetzter Operationsführung wahrscheinlich erst in einer Dekade geschrieben wird (vgl. Alberts, David S., Garstka, John J., Stein, Frederick P.: Network Centric Warfare: Developing and Leveraging Information Superiority. CCRP Publication Series, 2nd Edition, 1999).

Nicht umsonst versteht sich die Transformation als evolutionärer Prozess, der nicht auf Befehl ausgeplant und „top down“ durchgeführt wird, sondern durch kontinuierliches Ausprobieren und Anpassen wächst (durchaus im organischen Sinne). Mit der Methode Concept Development & Experimentation (CD&E) sollen neue Konzepte entwickelt und im Zuge umfangreicher Experimente auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden. Der Weg zu NetOpFü und Selbstsynchronisation muss in kleinen, inkrementellen Schritten begangen werden, wobei Irrwege und Sackgassen durchaus in Kauf genommen werden.

Seitens der Technik muss die mögliche und notwendige Unterstützung evaluiert werden, die sich durch entsprechende Hardware- und Softwarelösungen erzielen lassen. Häufig sind entsprechende Konzepte schon lange bekannt, vielfach mangelt es jedoch an einer geeigneten Implementierung und vor allem an der richtigen Nutzung. Beispielhaft sei dazu das Thema Dokumentenmanagement herausgegriffen, welches durchaus als ein erster Schritt in Richtung NetOpFü gesehen werden kann. Häufig werden die in einer Gruppe elektronisch erstellten Dokumente heute noch auf „Explorer-Basis“ (immerhin auf einem gemeinsamen Dateisystem) verwaltet, so dass die Funktionalität im wesentlichen der eines Aktenschrankes entspricht. Da die Suche vielfach zu umständlich und aufwändig ist, speichert sich jeder die wichtigsten Dokumente lokal in Kopie bzw. schreibt sie im Zweifelsfall neu. [FN: Kritiker weisen oft zurecht darauf hin, dass wir es hier sogar mit einem Rückschritt gegenüber dem Aktenschrank zu tun haben. Die scheinbaren Zeitvorteile der schnelleren Datenübermittlung und –verteilung werden durch den erhöhten Suchaufwand aufgrund der verteilten Ablage zusammengehöriger Dokumente (Emails, Textdateien, Präsentationen etc.) mehr als kompensiert.] Die Einführung eines Dokumenten¬management¬systems (DMS) bedarf zwar einer gewisse Umgewöhnung und erfordert eine deutlich aktivere Rolle der Benutzer, tauscht aber letztendlich kurzfristige Bequemlichkeit gegen langfristige Zeitersparnis (Stichwort: „Es ist nie Zeit etwas wegzuräumen, aber immer, um danach zu suchen.“) Durch die selbstverständliche Anwendung lassen sich zudem erste Erfahrungen mit einer „Pull“ Umgebung sammeln. Vorrangiges Ziel muss es dabei sein, dass die veränderte Art der Informationsbeschaffung und die veränderte eigene Rolle in der Informationswelt zur Normalität wird – genau so wie heute das Internet zur privaten Informationsbeschaffung genutzt wird.

Darüber hinaus zeigt das Beispiel DMS, dass es für die Durchführung erster Schritte Richtung NetOpFü nicht notwendigerweise erst der langwierigen Entwicklung und Akkreditierung eines „Supersystems“ bedarf. Nicht selten blockiert sich eine Organisation selbst, indem irgendwo das allumfassende Lösungswerkzeug entwickelt oder beschafft wird. Dessen Einführung soll alle zwischenzeitlich erarbeiteten Lösungen hinfällig machen und verdammt daher bis dahin alle anderen zum Stillstand und Abwarten. Ziel muss es vielmehr sein, die Nutzer möglichst bald an die oben beschriebenen Prinzipien zu gewöhnen. Ein Wechsel der Bedienoberfläche sollte sich demgegenüber als weniger zeitaufwändig erweisen. Die entscheidenden Veränderungen betreffen die Aspekte Einstellung, Gewohnheit und Vertrauen, d.h. den Bereich der Kognition, und sind erfahrungsgemäß sehr zeitaufwändig.

Die Rolle von CD&E am Beispiel des Common Relevant Operational Picture (CROP)

Abschließend soll noch einmal das oben bereits erwähnte CROP aufgegriffen werden, um die Bedeutung von CD&E im Zuge der Transformation zu veranschaulichen. Nach Auffassung des Autors muss das CROP als Konzept gesehen werden (und nicht als Bedienoberfläche oder ein spezielles Computersystem), welches wesentlich auf den obigen Prinzipien eines „Post & Pull“-Informationsmanagements basiert bzw. diese unterstützt. Die tatsächliche Realisierung wird sich nur über einen wechselseitigen CD&E-Prozess in inkrementellen Schritten realisieren lassen, wobei einerseits das System, d.h. die Technik, und andererseits die Teilnehmer, d.h. die Menschen, angepasst bzw. „verbessert“ werden. Nur so wird sich eine Konvergenz in punkto Nützlichkeit und Möglichkeit finden lassen. Gleichzeitig kann man sich so der großen grundsätzlichen Frage nähern, inwieweit und in welcher Form sich die Vision selbstsynchronisierender Streitkräfte mit moderner Technik und vor allem mit realen Menschen überhaupt verwirklichen lässt. [FN: Bis jetzt beschränken sich die Beispiele für Selbstsynchronisation auf weitgehend überschaubare Gruppen. Bis zu welchem Umfang und in welcher Weise dies möglich ist, welche Vorgaben von außen notwendig sind (Commanders Intent) wird die Zukunft zeigen. Von Seiten der wissenschaftlichen Unterstützung ist hierbei ein interdisziplinärer Ansatz empfehlenswert (Informatik, BWL, Psychologie etc.).]

Eine unabdingbare Voraussetzung für die Sinnhaltigkeit und den Erfolg ist jedoch, dass die Experimente mit entsprechender Priorität durchgeführt werden und nicht nur diejenigen zur Teilnahme entsandt werden, die zufällig gerade abkömmlich sind. Der Transformationsprozess muss bei den tragenden Säulen der Organisation ansetzen und auch genau diese sollten die Gelegenheit nutzen, darauf Einfluss zu nehmen. Transformation bedeutet Veränderung der Kultur. Der Weg von der Vernetzung zur Vernetzten Operationsführung kann nur über eine Veränderung von Einstellungen, Gewohnheiten und Vertrauen, d.h. über eine Vernetzung der Köpfe, erfolgen.

Kategorien:10_Jahre, Vernetze Welt
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 14. Februar 2016 um 15:33

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