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Auf der Suche nach dem NetOpFü – ein „Erfahrungsbericht“

Vorbemerkung: Wie bereits im Geburtstagspost angekündigt, ist es nun ziemlich genau 10 Jahre her, dass ich mich im Rahmen meiner Bundeswehrzeit intensiv mit den Auswirkungen der digitalen Vernetzung auf die Streitkräfte und darüber hinaus beschäftigt habe. Dabei sind einige Beiträge und Publikationen entstanden, die ich nun anlässlich des Jubiläums aus den Archiven holen möchte, um sie im Rahmen einer eigenen „10_Jahre-Serie“ auf diesem Blog zu veröffentlichen und einen stellenweise sicherlich interessanten Rückblick zu eröffnen.

Die chronologische Reihenfolge einhaltend beginne ich mit einem eher kritisch, satirischen „Erfahrungsbericht“, den ich Anfang Dezember 2004 ohne Auftrag aufgrund eigener Beobachtungen während Common Arrangement 04 erstellt habe. Dabei handelte es sich um das erste großangelegte streitkräftegemeinsame Experiment zur Vernetzten Operationsführung, kurz NetOpFü – im weitesten Sinne absolutes Neuland für alle Beteiligten. Trotz der unbestrittenen Erfolge der Übung schienen mir einige Aspekte zu wichtig, als dass sie einfach unter den Tisch fallen sollten – insbesondere im Hinblick auf nachfolgende Unternehmungen dieser Art.

Wilhelmshaven, Ende November, regionstypisches „drei mal sieben“ Wetter: 7 Grad, 7 Windstärken und 7 Liter Wasser von oben pro Minute und Quadratmeter. Glücklicherweise, so wurde mir versichert, ist das erstrebte Ziel des ganzen Unternehmens zwar hochkomplex, aber zumindest völlig wetterunabhängig. Angereist mit den unterschiedlichsten Fahrzeugen, die man sich nur vorstellen kann (Ozelot, Patriot, Fregatte etc.), begibt sich die Bundeswehr – in doch recht beachtlicher Anzahl – auf die Suche nach dem NetOpFü. Ein Phänomen, was schon seit längerer Zeit von einer zunehmenden Anzahl an Experten mit der Allzweckwaffe (PowerPoint) in der Truppe propagiert wird. Einige unserer Partnernationen sollen sogar schon erste „Live-NetOpFü“ Erlebnisse vorweisen können. Somit wurde auch bei der Bundeswehr konsequentes zeitverzugsloses, zielorientiertes Handeln befohlen. Das Wichtige scheint plötzlich auch noch dringend geworden zu sein und hat sich damit Gehör verschafft. Nach mehreren Monaten gespickt mit zahlreichen Dienstreisen zu diversen Arbeits- und Unterarbeitsgruppensitzungen sowie einer vollen Woche Preparationphase vor Ort, beginnt das erste, von höchster Stelle befohlene, Joint NetOpFü Experiment.

Eingesetzt als Analyst habe ich den Auftrag, die Human Factors (HF) zu beobachten. Schließlich steht gemäß unseren Grundlagendokumenten der Mensch im Mittelpunkt unserer Organisation und erfordert somit die größte Aufmerksamkeit. Ziel der Analyse ist es, neben der hochkomplexen Technik einige Erkenntnisse für das nötige Feintuning der Ausbildung in die Lessons Learned schreiben zu können und so die Truppe fit für NetOpFü zu machen (Stichwort: „Wir haben ja schon immer Auftragstaktik angewandt.“).

Etwas überrascht musste ich jedoch feststellen, dass die vorgeschriebenen Schwerpunkte bei einigen Randgruppen der Übung – wie beispielsweise den Teilnehmern mit dem Player-Schild – wohl im Eifer des Gefechts bei der Vielzahl an Übungsorganisatoren, Beobachtern, Firmenvertretern, Besucherprogrammorganisierern etc. übersehen worden sein mussten. Na ja, war halt dienstlich nicht anders möglich, und so wurden die Spieler kurz vor Beginn der ersten Runde bedarfs- und zielgerecht in ihre Rolle während der Übung eingewiesen. Gemäß dem alten Grundsatz „Ein deutscher Offizier kann alles.“ fiel es dann auch nicht weiter auf, dass beispielsweise im Joint Air Operation Center (JAOC) die meisten Spieler Aufgaben fern ihrer eigentlichen Tätigkeit ausführten und zudem vor Ort zum ersten Mal ihre Teamkollegen kennenlernten. Wir steigen halt gleich ganz groß ein und üben Selbstsynchronisation (als erklärtes Ziel von NetOpFü [Details nächster Blogpost]) in Reinform, d.h. von (absolut) 0 auf 100 in 3 Tagen. Für einen echten HF-Experten sollte es schließlich kein Problem sein, in der Analyse die Lernkurve des Teams sowie einige Defizite in den operationellen Fähigkeiten herauszurechnen, um so ein unverfälschtes Bild über den Auswirkungen der Vernetzung (TDL, FüInfoSys) als Befähigung zur NetOpFü zu erlangen.

Als Marginalie am Rand sei zusätzlich bemerkt, dass es aus „technischen Gründen“ leider nicht möglich war, ein dem aktuellen Stand der zivilen Welt entsprechendes und dem Verwendungszweck angemessenes Kollaborationswerkzeug (als FüInfoSys) verfügbar zu machen. Um den Teilnehmern zumindest einen Ausschnitt des technisch möglichen zu zeigen, wurde ein kurzfristig verfügbares Portal eingesetzt. Mit einer kurzen Einweisung fünf Minuten vor der Anwendung im Szenar wurde der bisher verfolgte learning by doing Ansatz konsequent fortgesetzt. Insofern störte es auch nicht weiter, dass das Programm zwar ursprünglich (nicht nur aufgrund der Antwortzeiten) für einen völlig anderen Anwendungszweck konzipiert wurde. Immerhin lieferte es unter den Spielern wie der Industrie genug Stoff für Verbesserungsdiskussionen – oder aber brachte Nutzer und Beobachter, die privat bereits im Informationszeitalter leben, gelegentlich einfach zum Gähnen oder Kopfschütteln. Aus Sicht der Industrie lief natürlich alles bestens, da die erprobte Strategie für den Kunden Bundeswehr sich mal wieder bewährte: Die gezeigten Produkte reichen aus, um den Bedarf zu wecken, sind aber wohlbedacht weit davon entfernt, ihn auch nur annähernd zu befriedigen. Dank der häufig anzutreffenden Divergenz von Fach- und Entscheidungskompetenz lassen sich so mit ein bisschen Marketing bereits entwickelte Produkte bequem (durchaus mehrfach) versilbern und damit gleichzeitig der Einstieg in eine nachhaltige Abhängigkeit schaffen, welche einen kontinuierlichen Geldstrom für den Schein der ständigen Weiterentwicklung garantiert. Na ja, in gewisser Weise verbindet uns das ja auch.

War man kurzzeitig geneigt, die augenfällige Disziplin und Gewissenhaftigkeit der Besatzung der Fregatte als allgemeingültige Form militärischen Handelns zu erachten, bekam der geschulte Beobachter mit Betreten des JAOC eine echte Alternative präsentiert. Die eingeteilte Führung konnte aufgrund ihrer vielfältigen Aufgabenbereiche leider nur selten ihrer vorgesehenen Rolle nachkommen. Dafür wurden die Spieler – quasi als Kompensation – glücklicherweise häufig von unterschiedlichen Besuchergruppen beehrt, denen sie dann bereitwillig und ausführlich Auskunft geben konnten; alles während der laufenden Spielrunden natürlich. Im Gegenzug gaben die meist ausgewiesenen NetOpFü-Experten wertvolle Tipps und Erklärungen, welche sich bemerkenswerterweise fast ausschließlich auf jahrzehntelanger Erfahrung oder aber sogar auf eigenen Erfindungen begründeten.

Drei Tage und achtzehn Spielstunden später waren über 2000 Analystenzettel beschrieben worden und mich überkam doch so ein bisschen die Sorge, ob dass, was wir da suchten, irgendwo gefunden worden war. Die alleinige Erkenntnis, dass Aktivitäten im Bereich HF auf allen Ebenen „bis auf weiteres“ wohl mehr als notwendig sein werden, schien mir vor dem Hintergrund des betriebenen Aufwands und der Erwartungen doch etwas dürftig. Nachdenklich blätterte ich noch einmal im Ausbildungsbefehl und da sprang es mir förmlich ins Gesicht: Morgen ist Distinguished Visitors Tag, kurz DV-Day, und siehe da, auf der Agenda ist ein NetOpFü-Empfang auf der Fregatte vorgesehen. Na ja, wenigstens werden sich die hohen Herren während ihres Blitzbesuches ins NetOpFü begeben, der Rest der Truppe bleibt halt zunächst mal außen vor. So ist das nun mal, nahe an einem Leuchtturm: Wer unten steht, steht im Dunkeln, ganz oben wird man geblendet.

Bleibt zu hoffen, dass die öffentlichkeitswirksam gezeigte Beachtung der Veranstaltung durch die obere Führung in Zukunft auch zur notwendigen aktiven Unterstützung und Entscheidungen von selbigen führt. Denn wer bisher geglaubt hat, dass funktionierende Selbstsynchronisation die Abwesenheit von Führung impliziert, muss dies nach dieser Veranstaltung zumindest gründlich überdenken. Die Methode der Konzeptentwicklung und deren experimenteller Überprüfung (CD&E) fordert zwar explizit die Initiative von „unten“ („bottom-up“), gleichermaßen fordert jedoch die gelebte Organisationsstruktur für eine zielführende Durchführung konsequente „top-down“ Vorgaben und aktive Leitung. Scheitern des untersuchten Konzeptes ist durchaus ein mögliches Ergebnis der Methode CD&E, unprofessionelle Durchführung nicht. Bleibt zu hoffen, dass die Defizite da erkannt werden, wo sie wirklich waren; und nicht genau denen in die Hände spielen, die eh schon immer alles besser wussten bzw. die zugrundeliegenden Ideen schon immer als Gedankenspinnereien oder Zeit-/Geldverschwendung angesehen haben.

Es ist zu vermuten, dass die Nachbereitung für die übende Truppe sich nicht wesentlich von der Vorbereitung unterschied. So können sich die Teilnehmer völlig frei ihre eigene Meinung zu der gesamten Veranstaltung bilden und diese dann im Kameradenkreis verbreiten. Beste Voraussetzungen also in jeder Hinsicht für das nächste Mal.

Kategorien:10_Jahre, Vernetze Welt

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