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The Circle: Leben in der totalitären Vernetzung und Transparenz

Dem ein oder anderen dürften die beiden klassischen Dystopien (Anti-Utopien) des vergangenen Jahrhunderts noch ein Begriff sein: 1984 (George Orwell, 1949) und Brave New World (Aldous Huxley, 1934). Beide Werke zeichnen eine düstere, totalitäre Gesellschaftsentwicklung, die sich wesentlich in der Kontrolle der Bevölkerung durch (vor allem aus damaliger Sicht) moderne technologische Entwicklungen begründet. Zu meiner Schulzeit (Anfang der 90er) gehörten die Bücher zur Pflichtlektüre, die wir eifrig diskutiert haben.

Im letzten Jahr veröffentlichte der US-Schriftsteller Dave Eggers den Roman The Circle und im Zuge der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung vor einigen Wochen zogen Kritiker zahlreiche Parallelen zu den genannten „dunklen Klassikern“. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während bei Orwell und Huxley Überwachung und Unterdrückung dem Leser sofort präsent sind, beginnt The Circle in einer eher vertrauten Gegenwart mit Werten der Freiheit und Selbstverwirklichung.

Die Protagonistin Mae startet im Alter von 24 Jahren ihren langersehnten Job bei dem Internetunternehmen namens The Circle im Silicon Valley. Auf den ersten Blick herrschen hier paradiesische Arbeitsbedingungen: Freies Essen, freie Sportanlagen, freie Gesundheitsversorgung, fortwährend Partys, Feiern und Treffen von Interessengruppen (Communities). Es wird alles Erdenkliche getan, um die Arbeitskraft der Mitarbeiter bestmöglich zu erhalten und zu fördern. Dies schließt auch die Möglichkeit ein, direkt auf dem Firmencampus zu übernachten, falls es mal später wird, oder in Maes Fall sogar die kostenfreie Versorgung ihrer chronisch kranken Eltern (um ihr ein paar Sorgen und Verpflichtungen abzunehmen). Beeindruckt ist Mae auch von der Schnelligkeit der Entscheidungen, um aktuell anfallende Probleme zu lösen. Prozesse, die in ihrem früheren Unternehmen, Tage oder Wochen gedauert haben, werden hier in Minuten abgewickelt bzw. entschieden.

Mae startet im Kundenservice. Im Laufe der Zeit wachsen bei ihr jedoch nicht nur die Verantwortlichkeiten und die Vielfalt der Aufgaben, sondern auch die Anzahl der Bildschirme auf ihrem Schreibtisch. Multitasking ist Pflicht und gehört zum normalen Arbeitsalltag. Neben ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Beantworten von Kundenanfragen, ist sie angehalten fortwährend diverse Kommunikationsplattformen im Auge zu behalten und an Meinungsumfragen oder Marktforschungsstudien teilzunehmen.

Zu den wesentlichen Prinzipien des täglichen Lebens und Arbeitens bei The Circle zählen quantitative Messbarkeit, kontinuierliche offene Kommunikation und Feedback sowie das Teilen von Erlebnissen bzw. Erfahrungen. Gemessen und verglichen wird fortwährend nicht nur die Arbeitsleistung in der eigentlichen Rolle, sondern über den sogenannten Participiation-Rank auch die Aktivität (und daraus resultierende Beliebtheit) in den firmeneigenen sozialen Netzwerken. Natürlich ist letzteres völlig freiwillig, genauso wie die Teilnahme an den übergreifenden Veranstaltungen, doch lautet das Firmenmotto Passion, Participation and Transpareny (PPT). Nicht-Teilnahme bzw. Nicht-Kommunikation wirkt auf Dauer schnell verdächtig und wird von Kollegen wie Vorgesetzten kritisch hinterfragt. Dies muss auch Mae erfahren, als sie am Anfang den sozialen Netzwerken und den Firmenaktivitäten nach Dienstschluss eher wenig Bedeutung beimisst und stattdessen am Wochenende ihre kranken Eltern besucht, einfach nur zu Hause Fernsehen schaut oder alleine zum Kajakfahren geht, ohne anschließend ihre Erlebnisse oder Fotos zu teilen.

Doch Mae lernt schnell, sich anzupassen. Zahlreiche (Über-)Stunden verbringt sie mit dem Kommentieren und Schreiben von Nachrichten. Infolge steigt ihr PartiRank rasch in die angestrebten Top 20%. Doch dabei bleibt es nicht. Mae setzt sich an die Spitze der Bewegung zur völligen Transparenz und verkündet vor großem Publikum ihre Grundsätze des sozialen Zusammenlebens (angelehnt an 1984): „secrets are lies“, „sharing is caring“ und „privacy is theft. Dem folgend hängt sie sich eine Kamera um den Hals und lässt von morgens bis abends jeden an jedem Detail ihres Lebens teilhaben, den es interessiert. Nur beim Aufsuchen der Toilette ist für maximal 5 Minuten Sendepause.

Die Aufzeichnungen von Maes Kamera werden wie alles, was bei The Circle digital geteilt wird, in der firmeneigene Cloud gespeichert und sind dort von überall, jederzeit und jedem zugreifbar. Ein Löschen ist ausgeschlossen. Eine Konsequenz, die nur kurzzeitig Fragen aufwirft, als sie versehentlich intime Lebensbereiche ihrer Mitmenschen filmt.

Zahlreiche Projekte bei The Circle befassen sich mit der Erhöhung der Transparenz über alles und für jeden. Dazu hat das Unternehmen zum einen kostengünstige Miniaturkameras namens SeeChange entwickelt, die jeder an beliebigen Plätzen der Welt aufstellen kann, um in Echtzeit Videos ins Internet zu übertragen, z.B. um jederzeit die aktuellen Bedingungen an seinem Lieblingssurfspot zu checken oder aber um seinen Hauseingang zu überwachen. Auch der mobile Einsatz, z.B. an Fahrzeugen oder ferngesteuerten Drohnen ist möglich. Zum anderen wird eifrig an Geräten zur kontinuierlichen Positionsbestimmung beliebiger Objekte gearbeitet, z.B. auch von Personen und insbesondere von Kindern. Zunehmende, kontinuierliche Überwachung, so die Begründung, steigert die allgemeine und persönliche Sicherheit, sei es durch Reduzierung der Kriminalität (z.B. Einbrüche und Kindesentführung) als auch durch schnellere Reaktionsfähigkeit, wenn jemand in Schwierigkeiten gerät (z.B. alleinlebende Personen oder Kinder).

Das große Interesse der Öffentlichkeit an The Circle verschafft dem Unternehmen einen großen Kreis von Fans und Followern, der sich bei Bedarf auch für bestimmte Zwecke instrumentalisieren lässt. Mae kann dies anschaulich demonstrieren, indem es ihr spontan und vor laufender Kamera mit Hilfe einer vernetzen Gruppe von Freiwilligen in einem Crowdsourcing gelingt, in weniger als 30 Minuten eine untergetauchte, flüchtige Person innerhalb der Vereinigten Staaten aufzuspüren und der Polizei zu überstellen. Als nächstes nutzt sie die Crowd dazu, ihren vor der zunehmenden Überwachung geflüchteten Ex-Freund Mercer zu lokalisieren. Als ihn eine enthusiastische Horde nach kurzer Zeit in einer Waldhütte entdeckt, kommt es zu einer Autoverfolgungsjagd, in dessen Folge Mercer ums Leben kommt. Allerdings sorgt der tragische Ausgang des eigentlich als Spaß gedachten Experiments nur kurzzeitig für Irritation. Führende Circle Mitarbeiter und in Folge auch Mae erklären, dass Leute wie Mercer in der neuen digital transparenten Welt ohnehin einer aussterbenden Rasse zuzuordnen sind.

Das große Ziel von The Circle ist es, den Kreis zu schließen, genannt Completion. Das Unternehmen verdankt seinen wirtschaftlichen Erfolg und seine Popularität vor allem der globalen Identität, die es seinen Nutzern unter einer persönlichen CircleID im Internet anbietet. In nicht allzu ferner Zukunft, soll jeder Bürger der USA (und später auch in anderen Ländern) über eine CircleID verfügen, unter der dann alle persönlichen Daten gespeichert werden und über die sich dann auch alle digitalen Prozesse abwickeln lassen, einschließlich behördlicher Vorgänge. Gegebenenfalls muss von Regierungsseite noch etwas nachgeholfen werden, um dieses ultimative Ziel der totalen (bzw. totalitären) Vernetzung und Transparenz (einschließlich der weitgehenden Abschaffung der Privatsphäre zum Wohl der Menschheit) zu erreichen.

Natürlich gibt es im Roman auch Skeptiker und Gegner dieser Entwicklung. Neben Maes Ex-Freund und ihren Eltern, die ihr neues Leben und ihre Überzeugungen zunehmend ablehnen, taucht hin und wieder ein mysteriöser Circle-Kollege auf, dem sie sich einerseits sexuell hingibt, der sie aber zugleich eindringlich vor den fatalen Auswirkungen der totalen Überwachung warnt und sie damit zumindest kurzzeitig in einige Gewissenskonflikte bringt. Am Beispiel einer geschätzen Kollegin und Freundin muss sie zudem erfahren, wie Wissen und Transparenz den (gefühlten) sozialen Druck erhöhen. Durch das Projekt PastPerfect erfährt die Kollegin (und damit alle anderen), welch eher weniger rühmlichen Vorfahren sie ihre Existenz verdankt. Die Folge sind schwere Depressionen und ein Nervenzusammenbruch.

Fazit: Selten habe ich ein 500 Seiten Buch so schnell verschlungen und empfehle es daher jedem, der sich kritisch mit unserer Zeit der zunehmenden Digitalisierung bzw. Vernetzung auseinandersetzt. Erschreckend ist dabei vor allem, dass es sich bei den beschriebenen technischen Entwicklungen eher weniger um Science Fiction handelt, sondern eigentlich alles im Rahmen des heute bzw. in absehbarer Zukunft Möglichen liegt. Natürlich gibt es im Buch keine konkreten Lösungswege und es gibt auch kein Happy End. Vielmehr regt es zum Nachdenken und bewusste(re)n Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten an, sollte jedoch auch nicht zu einer pauschalen Dämonisierung der Netzkonzerne führen. Vielmehr bedarf es differenzierter, kompetenter Kritik und infolge wirksame politische Regulierungen.

Kategorien:Bücher, Vernetze Welt
  1. 5. November 2014 um 07:18

    Spannder Beitrag. Wird gleich getwittert. BTW – ist das andere Extrem. Extreme finde ich immer schlecht (oder Angst einflößend). LG, Alex

  2. 5. November 2014 um 14:38

    Schöner Beitrag, kommt auf die „muss ich lesen“-Liste.

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