Startseite > Berge/Reisen, Lebenserfahrung > Was man bei Skitouren fürs Leben lernen kann…

Was man bei Skitouren fürs Leben lernen kann…

MuttekopfEine durchaus ergiebige und vielfältige Skitourensaison 2012/2013 neigt sich so langsam dem Ende zu. Neben zahlreichen schönen Tagen mit Sonne, Pulverschnee und aussichtsreichen Gipfeln gab es in den letzten Monaten auch ein paar interessante und lehrreiche Lebenserfahrungen, die ich an dieser Stelle gerne dokumentieren bzw. teilen möchte.

Anfang März haben wir zu zweit im Lechtal die Jochspitze (2236m) in Angriff genommen. Als lohnende Erweiterung mit zusätzlichem Gipfel wurde im Tourenführer noch der Allgäuer Muttekopf empfohlen, der über eine kurze Abfahrt vom Gipfelgrat der Jochspitze in ein weitläufiges Becken erreicht werden kann (s. Bild). Die Verhältnisse konnten schnee- und wettertechnisch besser nicht sein, zumal die Hänge nordseitig ausgerichtet besten Pulver versprachen und noch völlig unverspurt waren. Lediglich am rechten Rand des Beckens gab es ein paar Skispuren, und so war völlig klar, dass der darüber liegende Gipfel das gewünschte Ziel sein musste. So machten wir uns also auf den Weg und stellten allerdings schnell fest, dass für die letzten Meter zum Gipfel die Querung sehr steiler Hänge notwendig war. Dieses Risiko wollten wir nicht eingehen und begnügten uns somit mit der Scharte unterhalb des Gipfels. Hin und wieder schweifte auch der Blick nach links zu einem weiteren kleineren Gipfel, der eigentlich auch nicht so schlecht aussah, aber nicht weiter in Betracht gezogen wurde. Erst nach einer Abfahrt im Pulverschnee und dem Wiederaufstieg zur Jochspitze fiel es uns mit einem weiteren Blick zurück plötzlich wie Schuppen von den Augen: Wir hatten uns von den wenigen Skispuren und dem höheren Gipfel komplett in die Irre leiten lassen und den völlig falschen Gipfel angesteuert. Natürlich hätte ein Blick in die Karte oder ins Tourenbuch sofort Klarheit geschafft, doch hatten wir das wohl aufgrund der „klaren Vorgabe“ nicht mehr für nötig gehalten. Nun denn, höhenmetermäßig hat sich unsere Scharte nicht viel mit dem eigentlichen Ziel gegeben, aber ein Gipfel wäre halt ein Gipfel gewesen, zumal als „Erstbesteigung“ nach dem letzten Schneefall. Lessons Learned: Auch wenn es anscheinend klare Spuren und Hinweise gibt, ein weiterer kurzer kritischer Check kann vermeiden, das falsche (und unerreichbare) Ziel anzusteuern.

VenterRundeKurz nach Ostern ging es dann mit einer Gruppe des Alpenvereins auf die Venter Runde, einer der Skitourenklassiker der Ostalpen. Entgegen erster eher durchwachsener Wetterprognosen genossen wir die ersten vier Tage strahlend blauen Himmel und konnten mit Similaun, Finailspitze und Weißkugel einige begehrte Gipfel sammeln. Nicht zu vergessen ist auch die höchstgelegene Sauna Europas am Refugio Bella Vista. Am fünften Tag machte sich dann über Nacht ein Mittelmeertief bemerkbar und brachte mit dichten Wolken schlechte Sicht und leichten Schneefall. In der Hütte machte zudem das Gerücht die Runde, dass auch am nächsten (unserem letzten) Tag keine Besserung zu erwarten sei. Einige andere Gruppen entschieden daraufhin zum Abbruch und machten sich auf den direkten Rückweg zum Parkplatz in Vent. Wir warteten noch die allgemeine Radiowettervorhersage ab, die tatsächlich wenig Gutes verhieß. Allerdings meinte der Hüttenwirt dann, dass ihm sein Hubschrauberpilot am Telefon für heute nur sehr geringen Schneefall und für den nächsten Tag in der Region größere Wolkenlücken angekündigt hat. Größere Risiken hinsichtlich Lawinen gab es also nicht und auch die Orientierung sollte nach Aussage unseres Bergführers für heute einfach zu schaffen sein. So fiel die Entscheidung in unserer Gruppe zunächst noch einige Meter bergan zu steigen und dann weiter zu überlegen. Nach ca. 1 Stunde Aufstieg im Schneefall und kaum Sicht kam erneut die Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Fortführung der Tour auf. Einige hatten sich wohl ohnehin schon seit dem Blick aus dem Fenster am Morgen innerlich auf die Fahrt nach Hause eingestellt und so wurde die Prognose des Piloten zunehmend in Frage gestellt und es mehrten sich die Stimmen für einen vorzeitigen Abbruch. Schließlich waren wir alle einige Stunden später wieder wohlbehalten zu Hause. Hier offenbarte allerdings ein Blick ins Internet auf die einschlägigen Wettervorhersagen (und Webcams am nächsten Morgen) schnell, dass der Pilot mit seiner Einschätzung völlig richtig lag. In den südwestlichen Regionen Tirols, also auch im Ötztal, war für Samstag gutes bis sehr gutes Wetter vorhergesagt. Im Nachhinein finde ich es doch sehr verwunderlich, wie es in unserer heutigen Informationsgesellschaft immer noch zu solchen Fehlentscheidungen kommt, trotz im Prinzip verfügbarer Informationen. Ein Anruf beim DAV Wetterdienst oder Blick ins Internet, ggf. unter Inkaufnahme von Roaminggebühren, hätte wohl schnell Klarheit geschafft. Lessons Learned: Lasse Dich nicht nur von der Gruppendynamik und der aktuellen Lage leiten, sondern checke alle Informationen soweit es möglich ist.

Infolge ertappte ich mich natürlich in den ersten Tagen zu Hause immer wieder dabei, mich mehr über die verpasste Gelegenheit zu ärgern, die Runde vollständig abzuschließen, als mich über die super ersten vier Tage zu freuen. Objektiv und rational betrachtet hatten wir ohnehin großes Glück, in einem Monate zuvor festgelegten Zeitraum vier Sonnentage am Stück zu erwischen und damit alle Gipfelbesteigungen und Abfahrten bei perfekten Verhältnissen durchführen zu können. Aber irgendwie scheint unser „inneres Ich“ da wohl manchmal eine andere Gewichtung vorzunehmen. Nun denn, mit der Zeit und nicht zuletzt beim Betrachten der Fotos, die natürlich vorwiegend an den schönen Tagen gemacht wurden, rückt sich das Bild langsam wieder gerade und es gilt der alte Bergsteigerspruch: „Erfreue Dich an den erfolgreich bestiegenen Gipfeln und ärgere Dich nicht über entgangene Gelegenheiten. Die kommen meistens wieder.“

Leider gab es dann auch noch ein wirklich tragisches Ereignis, von dem wir allerdings erst am Parkplatz bei unserem Tourabbruch erfuhren. Der Bergführer(!) einer anderen Alpenvereinsgruppe, die mit uns auf der Hütte waren, war beim Abstieg ausgerutscht und knapp 50 Meter in eine Schlucht gestürzt. Er musste schwerverletzt per Hubschrauber geborgen werden. Die besagte Unglücksstelle, die auch wir passierte hatten, war eigentlich mit Steigeisen und Ski am Rucksack ohne Probleme zu gehen, doch angeblich hatte er wohl beides nicht für notwendig erachtet. Damit zeigt sich leider mal wieder ein typisches Muster (vgl. z.B. Peter Ressmann): Unfälle erfahrener Bergsteiger passieren nicht im extremen Gelände, sondern nicht selten aus Unachtsamkeit bei vermeintlich einfachen Routinesituationen. Das objektive Risiko erfordert immer entsprechende Konzentration und verzeiht trotz langjähriger Erfahrung keine Fehler.

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: