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„Power to the Edge“ am Beispiel von Twitter und Twelpforce

„Power to the Edge“, so lautet der Titel eines aus meiner Sicht immer noch sehr wegweisenden Buchs. Das Buch erschien bereits im Jahr 2003, also lange vor dem Web 2.0 und Social Media Hype. Die Autoren beschreiben die (mögliche) zukünftige Veränderung und Neuausrichtung militärischer Führungsverfahren, die einerseits durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ermöglicht, andererseits durch das gewandelte Aufgabenspektrum im 21. Jahrhundert zugleich auch gefordert werden. In Zeiten umfassender Vernetzung und Informationsverarbeitung, so die These, verschiebt sich die Macht zunehmend an den Rand (Edge), d.h. auf die unteren Ebenen, der Organisation. Traditionell hierarchisch aufgebaute „Command and Control“ Strukturen, wie sie insbesondere im Militär offensichtlich ausgeprägt sind, zeigen sich häufig schwerfällig und inflexibel, wenn es darum geht, in einem komplexen und dynamischen Umfeld zu agieren. Hier bieten vernetzte Strukturen, die sich durch einen hohen Grad an eigenverantwortlich handelnden Akteuren auszeichnen, oftmals eine überlegene Alternative. Moderne IKT schafft eine Shared Awareness und ermöglicht gegenseitige Koordination und letztendlich gemeinsame Zielerreichung. Dieses, oft als Selbstsynchronisation bezeichnete Verhalten, zeichnet sich vor allem durch eine deutlich höhere Parallelität, Agilität und Robustheit aus, da der „Bottleneck“ zentraler Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse zurückgefahren wird. Dies bedeutet jedoch keinesfalls die Abwesenheit von Führung, vielmehr sind das Setzen von Zielen und Bereitstellen von Ressourcen von zentraler Bedeutung. Allerdings kommt es darauf an, den richtigen Grad des „Loslassens“ von Kontrolle und Einfluss zu finden.

Auch wenn „Power to the Edge“ eigentlich im Kontext des Militärs und der sogenannten „Network Centric Operations“ verfasst wurde, lassen sich viele der beschriebene Ideen und Konzepte auch auf die nichtmilitärische Welt übertragen. Ein prominentes Beispiel, das unter anderem den Anlass für diesen Blogpost gab, ist die Nutzung von Twitter durch den großen amerikanischen Elektronikeinzelhandel Best Buy: Seit einigen Monaten können Kunden ihre Fragen direkt per Twitter stellen und an @twelpforce adressieren. Jedem(!) BestBuy-Mitarbeiter ist es offiziell gestattet, diese Fragen zu beantworten, indem er den Hashtag #twelpforce verwendet — genauso, wie er jeden Tag dutzende von Kundenfragen im Geschäft direkt beantworten muss, nur hier eben mit dem Unterschied, dass jede Äußerung über Twitter für jeden einsehbar ist. Die Koordination, d.h. Selbstsynchronisation über offene/beantwortete Fragen erfolgt über den gemeinsamen Hashtag. Dies schafft zudem einen gewissen Grad an Shared Awareness über aktuelle Probleme/ Fragen der Kunden und bietet auch die Möglichkeit zur Recherche. Die Entscheidung und die Verantwortung für die Inhalte liegt bei jedem einzelnen Mitarbeiter. Natürlich ist dazu ein großes Maß an Vertrauen der Unternehmensführung in ihre Mitarbeiter notwendig, gepaart mit der „Kunst loszulassen“, um eine Verschiebung der Macht an den Rand zu ermöglichen.

P.S.: Das Buch „Power to the Edge“ ist auch auf Deutsch erschienen. Im Jahr 2006 war ich selbst an diesem Übersetzungsprojekt beteiligt.

  1. 15. Februar 2011 um 23:42

    Hallo,
    Nach welchen Kriterien werden denn dann die Entscheidungen getroffen? Wenn die Verantwortung auf die unteren Ebenen verteilt wird entscheidet dort doch letztendlich auch nur ein Individuum, wie im hierarchischen System, nur dass es jetzt Teil der Masse ist. Gilt hier dann die Konsenstheorie? Sprich, was die meisten sagen ist wahr?

    Bezogen auf den Social Media Aspekt finde ich das gegebene Beispiel sehr interessant. Hier ist aber vermutlich das Augenmerk mehr darauf gerichtet Kundennähe zu demonstrieren.
    Gruß
    Politwirt

    • 16. Februar 2011 um 00:10

      Hier geht es eher um Entscheidungen, die aufgrund des gemeinsamen Lagebewusstseins (und ggf. gemeinsamer Ausbildung, eines gemeinsamen Ziels etc.), aber grundsätzlich lokal und unabhängig, getroffen werden, deren Auswirkungen sich dann aber global zu einem sinnvollen Ganzen fügen. Es geht daher weniger um die Entscheidung im Sinne einer Mehrheitsfindung, sondern eher die Aggregation von Entscheidungen (Stichwort: Emergenz, Weisheit der Vielen). Beispiele sind auch Prediction Markets, Texte in Wikipedia, aber z.B. auch Offline das Zusammenspiel einer Fußballmannschaft etc. Natürlich ist dies nicht für alle Problemstellungen anwendbar, aber vielleicht für mehr als wir heute glauben.

  1. 31. März 2013 um 18:35

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