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Enterprise 2.0? Immer noch sehr am Anfang…

Der Begriff und die Idee „Enterprise 2.0“, d.h. die geschäftsförderliche Nutzung von Social Software innerhalb eines Unternehmens, findet sich nun schon seit einigen Jahren in hunderten von Blogposts, Präsentationen und zahlreichen Büchern. Doch auch wenn die Basis der Befürworter (und „Evangelisten“) zunehmend breiter zu werden scheint und immer mehr hier eher einen langfristigen Trend als einen temporären Hype erkennen, so bleiben die erfolgreichen Fallbeispiele bisher noch recht überschaubar. Nüchtern betrachtet befinden wir uns, insbesondere in Deutschland/ Europa immer noch sehr am Anfang. (vgl. z.B. auch „E20 and the diverse reality of its adoption“)

Warum ist das so? Spontan fallen mir dazu eine ganze Reihe von Hürden ein, die es zu nehmen bzw. “proaktiv” abzubauen gilt, damit „Enterprise 2.0“ in einem Unternehmen Fuß fassen kann:

1. Verbrannte Erde: Es noch nicht so lange her, da wurde unter dem Schlagwort “Wissensmanagement” große Hoffnungen geschürt und entsprechend in Programme investiert, die allerdings meist keine Nachhaltigkeit verzeichnen konnten. Ebenso erging es vielen halbherzig oder stark IT-getriebenen Werkzeugen, wie z.B. Foren oder “Wissensdatenbanken”, die mehr oder weniger am Nutzer und seinen Prozessen/ Bedürfnissen vorbei entwickelt wurden und schlussendlich mangels Beteiligung wieder eingestellt wurden. Diese Erfahrungen sitzen immer noch tief, und so werden — zumindest im ersten Blick — schnell negative Erinnerungen und “Alter-Wein-in-neuen-Schläuchen”-Befürchtungen wach, wenn über Enterprise 2.0 ein zweiter Anlauf in Richtung Wissensmanagement unternommen wird — sei dieser auch noch so “nutzerorientiert” und “nah am Menschen”.

2. Mangelnde Unterstützung: Unterstützung und Vorbild des oberen Managements ist eines der Erfolgsfaktoren für Enterprise 2.0 (wie auch für jede nachhaltige Änderung in einem Unternehmen). Leider haben viele Führungskräfte bisher noch nicht die Notwendigkeit bzw. das Potential von Social Software für ihr Unternehmen erkannt. Neben dem Klassiker „Wann soll ich mich denn auch noch darum kümmern?“, befürchten viele eher den Verlust von Kontrolle bzw. die Schaffung von zusätzlicher Ablenkung vom eigentlichen Geschäft. Ebenso gilt es zu bedenken, dass sich die Art der Informationsversorgung eines Managers deutlich von der eines „Mitarbeiters an der Basis“ unterscheidet. Ein Manager pflegt meist ohnehin ein Netzwerk von Informationshubs und verfügt über Zuarbeiter, die alle Informationen bei Bedarf besorgen und in gewünschter Form aufbereiten.

3. Einpassung in die bestehende Organsisationsstruktur: Enterprise 2.0 beschreibt einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über die Bereitstellung einzelner IT-Services hinausgeht und sich nicht einfach ausschließlich einer Fachabteilung zuordnen lässt. Dies klingt gut und sinnvoll, bringt jedoch in der praktischen Umsetzung einiges an Schwierigkeiten hinsichtlich Verantwortlichkeiten und Durchführung. Siehe dazu beispielsweise Dion hinchcliffe in seinem kürzlich erschienen Blogpost “Who should be in charge of Enterprise 2.0?”.

4. Fehlende Dringlichkeit: Wer kennt das nicht, Dringlichkeit schlägt meistens Wichtigkeit. Hinzu kommt, dass nur die Wenigsten Social Software am Arbeitsplatz bisher wirklich vermisst haben. Keiner bringt dies wieder besser auf den Punkt als Geek & Poke bei “Enterprise 2.0 made easy Part 2”. Allerdings zeichnet sich hier in den letzten Monaten eine gewisse Trendwende ab, die jedoch eher von außen als von innen herrührt. Mehr und mehr Unternehmen erkennen, dass Social Media im Internet, d.h. außerhalb ihres direkten Einflussbereichs, das Verhalten ihrer Kunden als auch ihrer Bewerber beeinflusst. Da dies weder rechtlich (bzw. technisch) unterbunden werden, noch auf Dauer einfach ignoriert werden kann, ist hier eine gewisse Dringlichkeit entstanden. Es besteht also die berechtigte Hoffnung, dass durch die notwendigen Anpassungen der Prozesse nach außen auch im Inneren entsprechende Veränderungen angestoßen werden.

5. Wo ist das “schneller, höher, weiter”? Neuerungen sind besonders dann attraktiv, wenn sie unmittelbar bestehende Prozesse bzw. Systeme effizienter bzw. effektiver machen; am besten noch, ohne großen Umstellungsaufwand bei Anwender zu erfordern. E-Mail hat das Briefeschreiben und den direkten Informationsaustausch beschleunigt, BI-Lösungen ersetzen manuelle Excel-Sheets und vereinfachen das Reporting, CRM-Systeme lösen selbstgestrickte Access Datenbanken zur Pflege von Kundenbeziehungen ab usw. Was aber nun vereinfacht oder ersetzt Enterprise 2.0? Dies führt unmittelbar zur beliebten und viel diskutierten Frage nach dem ROI. Wie kann der Erfolg von Enterprise 2.0 gemessen bzw. in monetär belastbaren Zahlen belegt werden? Nun gibt es hier einige gute Ansätze (oder hier), für pragmatischer und zielführender erachte ich jedoch die Empfehlungen von Hagel und Brown, nicht krampfhaft nach neuen KPIs zu suchen, sondern soweit als möglich die Evaluation an den Kennzahlen vorzunehmen, mit denen das Unternehmen ohnehin seine Effektivität bzw. Effizienz und letztendlich seinen Geschäftserfolg bemisst. Als Paradebeispiel führen die Autoren gerne die Behandlung von Ausnahmen an, die in unserer komplexen und dynamischen Geschäftswelt einen beachtlichen Teil der Arbeitszeit einnehmen. Jede Effizienzsteigerung in diesem Aufgabenbereich wird sich unmittelbar auf das Geschäftsergebnis auswirken. Der zielführende Ansatz liegt also darin, direkt die bestehenden Geschäftsprozesse zu adressieren und darin konkretes Verbesserungspotential durch die Nutzung von Social Software zu suchen; wohlwissend, dass dabei nicht nur neue Tools eingeführt, sondern möglicherweise auch ganze Verfahrensabläufe (inkl. Verantwortlichkeiten) neu gestaltet werden müssen.

Es bleibt also weiterhin spannend im Enterprise 2.0 Umfeld und ich freue mich auf den in wenigen Tagen anstehenden Enterprise 2.0 Summit in Frankfurt. Ein Bericht über die gewonnen neuen Erkenntnisse und Einsichten folgt.

  1. 28. Oktober 2010 um 15:13

    Hallo Sebastian,
    das E20 kann viel von der Forschung zu Wissensmanagement und Kollaborationssysteme lernen. Vor allem soziale Aspekte wie Motivation zur Nutzung, Barrieren, etc. sind schon sehr gut erforscht.
    Wissensmanagement ist nicht böse😉 Wissensmanagement hat vor allem durch Hersteller von CMS/DMS-Systeme, die mit WM geworben haben, den schlechten Ruf erhalten. Das wird vermutlich dem Enterprise 2.0 zukünftig auch so gehen. Tools lassen sich viel einfacher verkaufen, als die weniger griffigen Konzepte.

    LG vom E20 Summit
    Alexander

  2. 30. Oktober 2010 um 08:40

    Hallo. Dass Enterprise 2.0 immmer noch sehr am Anfang steht ist auch mein Eindruck draußen bei (potentiellen) Kunden. Wobei ich zwei Beobachtungen mache:

    – die bis ungefähr 30jährigen sagen immer öfter „Ach, das ist ja spannend, damit haben wir im Studium auch gearbeitet, sehr nützlich. Leider ist das noch nicht in der Firma“. Und …

    – zum zweiten treffe ich in letzter Zeit immer häufiger Vertreter von Unternehmen, die bereits erste Experimente mit E 2.0, meist Wikis, durchgeführt und dabei bemerkt haben dass es doch nicht so einfach ist. Aber die die Grundlage, die Neugier, die Offenheit, die scheint mir zunehmend vorhanden zu sein.

    Z.B. ein internationales Übersetzungsbüro: Nutzen begeistert Yammer, haben aber ein Wiki voll in den Sand gesetzt, ohne zu verstehen wie und warum.

    Z.B. ein großes süddeutsches Medienhaus: Fanden Wikis spannend, und haben prompt Wikipedia versucht zu imitieren, inkl. Verwendung von MediaWiki und Nutzungszweck😉

  3. 16. November 2010 um 08:58

    Nicht nur bei E20 sind wir in der Forschung immer sehr viel weiter… und dann kommen auch noch Studien hinzu, welche Gegenteiliges behaupten.

    Wesentlich ist es aus meiner Sicht un, die Wahrnehmung für E20 in der Praxis zu verbessern. Aus dem Nicht-Besserwissen von CIOs wird im E20 derzeit noch ein Zeitfresser gesehen

    (Vgl. Enterprise 2.0: Was sagen CIOs in Österreich dazu? http://www.alexanderstocker.at/2010/11/enterprise-20-was-sagen-cios-in.html)

  1. 25. Oktober 2010 um 10:12

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