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Die Freunde des Schnees als Fallstudie für das Nutzergenerierte Realtime Web

Auch wenn der Frühling gerade etwas schwächelt, so neigt sich die Skitourensaison 09/10 doch langsam aber sicher dem Ende zu. Als langjähriger Anhänger dieses Sports und zugleich aktiver Internetnutzer möchte ich mit diesem Beitrag ein wenig die Verbindung zwischen beiden Welten beleuchten.

Skitourengehen ist wie kaum eine andere Sportart von den jeweiligen Verhältnissen abhängig, die von Berg zu Berg recht unterschiedlich ausfallen können und sich je nach Witterung binnen weniger Tage entscheidend ändern können. Nicht verwunderlich, dass insbesondere bei Tages- und Wochenendtouren über das endgültige Ziel häufig erst sehr kurzfristig entschieden wird. Wettervorhersage und Lawinenlagebericht bieten die essentiellen Grundlagen, doch darüber hinaus spielen zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle, die sich nur vor Ort beurteilen lassen und sich in keinem offiziellen Bericht finden. Wieviel Neuschnee ist wirklich gefallen bzw. wieviel liegt überhaupt noch? Wie sind die Schneeverhältnisse beim Aufstieg bzw. bei der Abfahrt? Wie weit muss man eventuell tragen? Ist eine hindernislose Abfahrt möglich? Welche Varianten wurden begangen? Und natürlich, wie viele waren schon unterwegs, d.h. gibt es noch Platz für eigene Spuren? Am besten also, wenn man jemanden kennen würde, der vor kurzem vor Ort war und die Tour gegangen ist.

Motiviert durch diese zeitnahen und individuellen Informationsbedürfnisse haben auch die Skitourengänger seit einigen Jahren das Internet für sich entdeckt. Prominentes Beispiel hierfür ist das Portal www.tourentipp.de, das im Jahr 2000 aus einer Privatinitiative heraus gestartet wurde. Den Schwerpunkt bietet nach wie vor das mittlerweile über 800 Einträge umfassende Angebot an professionell aufbereiteten Routenbeschreibungen für Bergtouren aller Art. Seit einigen Jahren erfreut sich aber auch der Bereich der „Gipfelkonferenz“ zunehmender Beliebtheit: Ein offenes Forum, in dem jeder registrierte Nutzer seine Tourenberichte veröffentlichen kann. Nach schönen (Winter-)Wochenenden sind noch am gleichen Abend mehr als 10 Beiträge — insbesondere zu Zielen aus dem Münchner Einzugsgebiet — mit jeweils mehreren hundert Zugriffen innerhalb weniger Tage keine Seltenheit. Beliebt sind dabei insbesondere Beiträge, die mit Fotos illustriert werden — übrigens auch ganz nett um zu sehen, was man verpasst hat, wenn man selbst keine Zeit für eine Tour hatte oder sich für das Zuhausebleiben entschieden hatte.

Es ist zu vermuten, dass diese nutzergenerierten realtime Inhalte einen erheblichen Anteil des Traffics bei tourentipp ausmachen und nicht unerheblich dazu beitragen, die Kosten für die ausschließlich werbefinanzierte Website zu decken. Die Tourenberichte werden in der Regel kommentarlos veröffentlicht, d.h. es gibt wenig Interaktion zwischen den Mitgliedern. Auch wenn fleißige Autoren sich an einer „Sterneskala“ hocharbeiten können, liegt der persönliche Mehrwert für einen eigenen Beitrag wohl primär darin, dass andere animiert werden, ebenfalls ihre Erlebnisse zu teilen. Zudem berichten einige, dass sie durch vorangegangene Berichte selbst für die eine oder andere Tour motiviert wurden. Neben den „Klassikern“ finden sich immer auch einige Beiträge zu vielleicht nicht ganz alltäglichen Routen — ein klassischer Fall von Serendipity also. Über die Suche sowie mittels der automatischen Verknüpfung von Beiträgen (z.B. gleicher Berg) lassen sich Veränderungen der Verhältnisse über die Zeit nachvollziehen und einzelne Beiträge werden in einen größeren Kontext eingebettet — ein gewisses Zeichen von Emergenz.

Seit Mitte letzten Jahres ging als weitere Plattform www.alpine-auskunft.de als offenes Portal für aktuelle Tourenbedingungen online. Betreiber ist der Österreichische Alpenverein, wobei die Seite auch vom Deutschen und vom Schweizer Alpenverein unterstützt wird. Wie dem Slogan zu entnehmen, wird hier ausschließlich auf nutzergenerierte Inhalte gesetzt und jeder kann — auch ohne Anmeldung — ganz einfach einen Bericht über seine letzten Bergerlebnisse veröffentlichen. Die Redaktion bietet sogar an, Beiträge per E-Mail entgegenzunehmen. Daneben gibt es noch eine Alpinbörse zum An- und Verkauf von Equipment sowie ein Gästebuch für Kommentare zur Seite. Vermutlich durch die prominente Unterstützung — fast jeder ernsthafte Alpinist ist Mitglied beim AV — und Werbung in den Mtgliederzeitungen ist es gelungen, schnell eine gewisse Bekanntheit und eine kritische Masse an Autoren zu gewinnen. Einige Beiträge finden sich jetzt sogar sowohl hier als auch bei tourentipp.

Und last but least ist da ja auch noch Twitter, wo sich auch immer mehr Tweets zu durchgeführten Touren finden. 140 Zeichen sind natürlich etwas knapp für eine aussagekräftige Beschreibung, so dass meist auf eigene Blogs bzw. Webseiten verwiesen wird. Es bleibt also spannend zu beobachten, wie sich die Nutzung des Internet für aktuelle und individuelle alpine Informationsbedürfnisse in den kommenden Monaten und insbesondere der nächsten Skitourensaison entwickeln wird. Vielleicht folgen ja auch bald die ersten Apps für diverse Mobiles…

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