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The Big Switch von Nicholas Carr

November ist Lesezeit und nun habe ich endlich das „neue“ Buch (Publiziert Anfang letzten Jahres) „The Big Switch: Rewiring the world from Edison to Google“ von Nicholas Carr fertig gelesen. Hier einige Auszüge, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Carr entfachte bereits 2003 eine große Diskussion mit seinem Artikel „Does IT matter“ und seiner These, dass IT bald wie Strom ein Allgemeingut sein wird, aus dessen Nutzung sich mit zunehmender Standardisierung und Verfügbarkeit alleine kein Wettbewerbsvorteil erzielen lässt.

Im ersten Teil des Buches „One Machine“ greift er diese Analogie wieder auf, indem er, teils recht ausführlich, die Entwicklung der Elektrizitätsindustrie in Amerika mit der Entwicklung der „Informationsindustrie“ vergleicht. Zu Beginn der Industrialisierung war es notwendig, dass die Energie einer Fabrik direkt am Ort erzeugt wurde, da es keine Möglichkeit gab, Energie über lange Strecken zu transportieren. Diese Einschränkung und Ineffizienz konnte erst mit dem Aufkommen der Elektrizität und deren zunehmenden zentralisierten Erzeugung (verbundenen mit steigenden Skalenerträgen) beseitigt werden. Strom wurde zu einem „Dienst“ (engl. Utility), der nach ganz Verbrauch von extern eingekauft werden konnte, ohne sich selbst um die Erzeugung kümmern zu müssen.


Nach Carr sehen wir nun in der Welt der Computer und der Informationstechnologie eine ähnliche Entwicklung. Bedingt durch leistungsstarke Rechner, aber unzureichende Bandbreiten, hatte sich in den vergangenen Jahren ein lokal optimiertes, aber insgesamt ineffizientes Client-Server Paradigma etabliert. Rechenleistung, Software als auch entsprechende Expertise wurden lokal vorgehalten, gezwungenermaßen optimiert für den theoretischen maximale zu erwarteten Leistungsbedarf, im Schnitt jedoch nur zu einem geringen Teil genutzt. Steigende Vernetzung macht nun den Weg frei für ein neues Paradigma, dem Cloud Computing: Immer leistungsstärkere Rechner, Nutzung von Virtualisierung, aber vor allem schnelle und sichere Datenübertragung ermöglichen auch hier eine Zentralisierung und damit Steigerung der Effizienz. Rechenleistung und Informationsverarbeitung wird zum Service, bereitgestellt von irgendwo und abgerechnet nach Verbrauch. So können auch kleine Firmen ganz einfach in den Genuss modernster und professioneller IT Unterstützung kommen, ganz nach Bedarf und ohne die Notwendigkeit großer Investitionen in Personal und Material. Prominente Anbieter sind beispielsweise Salesforce.com oder auch Amazon im Rahmen des Amazon Web Services Angebot.

Im zweiten Teil des Buches, „Living in the Cloud„, setzt sich Carr als bekannter Kritiker technologischer Utopien mit einigen Auswirkungen dieser Entwicklung auseinander. Während Elektrizität und Industrialisierung maßgeblich zum Entstehen einer breiten, wohlhabenden Mittelschicht in der Bevölkerung beigetragen haben, bewirkt die Informationstechnologie eher einen gegenteiligen Effekt. Wesentliche Gründe hierfür sind: (1) digitale Güter lassen sich nahezu kostenlos beliebig oft vervielfältigen und verteilen, was im Gegensatz zur physikalischen Welt weltweit unbegrenzt zunehmende Skalenerträge ermöglicht (Je mehr Nutzer einen Service nutzen, desto profitabler wird er) sowie (2) ein nie da gewesener Umfang freiwilliger unbezahlter Arbeit (User Generated Content, Crowdsourcing). Dies reduziert einerseits generell die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und erweitert andererseits durch ihre örtliche Unabhängigkeit das Angebot, wer diese Arbeit ausführen kann. Bezahlte Arbeitsplätze werden nicht nur von Maschinen übernommen, sondern auch von einem Heer unentgeltlicher Freiwilliger. Dies legt die Vermutung nahe, dass der World Wide Computer die Einkommensschere eher weiter öffnet denn für eine Gleichverteilung sorgt. In der YouTube-Economy kann sich jeder einbringen, wie er möchte, aber nur sehr wenige werden finanziell davon profitieren.

Gemäß der bekannten Long Tail Theorie schafft das Internet eine Welt unbegrenzter individueller Vielfältigkeit und befreit uns von der „Tyrannei des kleinsten gemeinsamen Nenners“ der Massenmedien. Fraglich bleibt, ob mehr Auswahl auch bessere Auswahl bedeutet. Trotz allen technischen Fortschritts bleiben einige kulturelle Güter aufwändig zu produzieren, was ökonomisch immer schwerer zu rechtfertigen ist. Während der Leser einer gedruckten Zeitung ein Paket von unterschiedlichen Inhalten kauft, sind diese Synergieeffekte bei einer Online-Ausgabe nicht mehr gegeben. Hier werden die Artikel einzeln „angesurft“ (gefunden über Suchmaschinen, News-Aggregatoren etc.) und müssen somit auch individuell kalkuliert werden. In Zeiten kontextsensitiver Werbung sind damit die Artikel am profitabelsten, die nicht nur viele Leser ansprechen, sondern auch Themen behandeln, zu denen sich teure Anzeigen schalten lassen. Dies trifft wohl eher auf Beiträge zu Krankheiten oder Produktberichte zu, als auf komplexe Themen aus der Politik oder Zeitgeschichte, die zudem meist deutlich aufwändiger zu produzieren sind. Die Gretchenfrage lautet hier, wie sich hochqualitative Inhalte schaffen lassen, bei denen die Werber nach Clickrate abrechnen und die Leser überhaupt nicht bezahlen möchten.

Im gleichen Zuge stellt Carr die These infrage, ob digitale Technologie und weltweite Vernetzung zu mehr Harmonie insgesamt führen werden. Schon vor der Zeit des Internet ist aus der Psychologie bekannt, dass (1) selbst kleinste Unterschiede menschlicher Präferenzen polarisierte Ergebnisse bewirken können, (2) Kommunikation mit gleich-denkenden Leuten zu „ideologischer Verstärkung“ führt und (3) Menschen bedingt durch ihr begrenztes Auffassungsvermögen eher die Informationen konsumieren, die ihrer Weltanschauung entsprechen. Im Internet liegt nun die „richtige“ Community bzw. der „richtige“ Artikel meist nur einen Mausklick entfernt. So steht zu befürchten, dass das nie da gewesenen Informationsangebot bzw. der einfache Zugriff Extremismus eher fördert und eher zu einer Fragmentierung der Gesellschaft als zu einer Harmonisierung bzw. Demokratisierung führen wird.

In den letzten Kapiteln thematisiert Carr die zunehmende Abhängigkeit vom Internet. Neben allen Vorteilen für Wirtschaft und Gesellschaft hat sich das Internet einerseits zum Schlachtfeld aber auch zum strategischen Ziel für Terroristen, Kriminelle und andere Interessensgruppen entwickelt. Der World Wide Computer lässt sich für vielerlei Zwecke programmieren und bietet Einzelnen oder kleinen Gruppen nie da gewesene Möglichkeiten. Der zunehmende Trend zum Offshoring ganzer Datacenter schafft hier weitere Abhängigkeiten. Hinzu kommt, dass die offene Entwicklung des Internet keinesfalls weltweit auf einhellige Zustimmung stößt. Zahlreiche Staaten sehen sich einem Art „Neo-Kolonialismus“ ausgesetzt und fordern bedingt durch die zunehmende Bedeutung mehr Mitspracherecht bei der Ausgestaltung, die bisher weitgehend von den USA ausgeht (ICANN etc.).

Auch jeder Einzelne, der sich im Internet bewegt, muss sich damit abfinden, dass seine Daten für vielerlei Zwecke gespeichert und ausgewertet werden. Personalisierung für mehr Bequemlichkeit, aber auch Kontrolle, Einbußen in der Privatsphäre sowie möglicherweise Manipulation gehören zu den unvermeidbaren Nutzungsbedingungen.

Persönliches Fazit: Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, mit teilweise recht ausführlichen Passagen zur amerikanischen Industriegeschichte, aber grundsätzlich sehr vielseitig fundierten Aussagen. Carr bringt viele Aspekte zum Nachdenken und sicherlich auch zum Diskutieren. Ich werde nun besipelsweise noch mehr darauf achten, bei der täglichen Informationsdosis die inhaltliche Breite zu wahren.

Kategorien:Bücher, Vernetze Welt
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 29. November 2012 um 13:45

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