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Google+ Circles: Social Media mit mehr Kontrolle auf der Senderseite

Soziale Medien wie Blogs, Microblogs, Wikis und Foren zeichnen sich insbesondere durch einen Paradigmenwechsel in der Informationsverteilung aus. Anstatt gezielt Empfänger zu adressieren bzw. adressieren zu müssen (wie z.B. bei E-Mail), findet die Informationsverteilung, und damit auch die Kommunikation, über mehr oder weniger öffentlichen Plattformen statt. Hier kann und muss der Empfänger selbst auswählen, welche Informationen er konsumiert bzw. welche er filtert (vgl. Push vs. Pull oder Filtersouveränität). Dieses Konzept ist nicht grundsätzlich neu (Zeitung, Schwarzes Brett etc.), allerdings steht es heute jedem im Internet auch als Autor quasi kostenlos mit weltweiter Reichweite zur Verfügung.

Zur Automatisierung ermöglichen entsprechende Funktionen, interessanten Personen oder Themen zu “folgen” und sich so personalisierte Nachrichtenströme zusammenzustellen. In der Regel sind diese Beziehungen asymmetrisch und ohne Einwilligung des Senders möglich, z.B. durch ein Follow bei Twitter oder durch Abonnement eines RSS-Feeds bzw. setzen von Google-Alerts.

Manche Plattformen vorfolgen allerdings alternativ das Modell, dass beide Seiten vorher dem Nachrichtenaustausch zustimmen müssen, z.B.durch eine “Freundschaft” bei Facebook oder “Kontakt” bei XING. Somit ergeben sich ausschließlich symmetrische Beziehungen, d.h. wenn Person A Teil des Netzwerks von B wird, so wird B zugleich in das Netzwerk von A aufgenommen.

Auch wenn diese Modelle der Informationsverteilung weit verbreitet sind und sich großer Beliebtheit erfreuen — man betrachte nur die Nutzerzahlen auf Twitter und Facebook — so werden häufig zwei Kritikpunkte geäußert:

  1. Seitens des Senders gibt es in der Regel (Facebook-Listen sind ein Versuch) keine weitere Differenzierung, d.h. jede Nachricht geht grundsätzlich an alle Mitglieder/ Follower des eigenen Netzwerks. Dies ist allerdings nicht immer gewünscht, sei es, weil bestimmte Nachrichten nur eine Untergruppe interessiert oder auch nur interessieren soll.
  2. Symmetrische Beziehungen entsprechen nicht immer der Realität und machen den “Freundschaftsbegriff” sehr dehnbar bzw. bisweilen sogar etwas schwierig, insbesondere im Arbeitsumfeld (vgl. z.B. Warum XING das falsche Vorbild ist).

Genau an diesen Punkten setzt nun Google+ mit seinem Konzept der Circles an. Jeder Nutzer kann seine Kontakte in einen oder auch mehrere Kreise einordnen, die mehr oder weniger den Beziehungen aus dem “richtigen” Leben entsprechen, z.B. Familie, Mountainbike, Studium etc.

Zunächst entspricht dies nicht mehr als einem “Follow” bei Twitter und der andere wird per E-Mail darüber informiert (allerdings ohne Nennung der gewählten Bezeichnung des Kreises). Nun kann er selbst entscheiden, ob er die Aktion durch eine Einordnung in die eigenen Kreise erwidert und damit eine symmetrische Beziehung schafft oder eben nicht. Im letzteren Fall entsteht lediglich ein asymmetrische Beziehung, was nicht selten völlig ok ist und keine peinliche Situation (“Ignorieren, zurückweisen oder doch annehmen?”) schafft.

Beim Verfassen einer Nachricht kann der Sender auswählen (und damit kontrollieren), mit welchem seiner Kreise (ggf. mehrere) er die Information teilt (vgl. Punkt 1). Alternativ kann er die Nachricht auch als “öffentlich” markieren und damit grundsätzlich allen interessierten Google+ Nutzern verfügbar machen. Allerdings bekommen andere die Nachricht nur dann in ihrem Nachrichtenstrom zu sehen, wenn sie den Sender mindestens in einem ihrer eigenen Kreise eingeordnet haben (vgl. Punkt 2). Zugleich lässt sich über die die Kreise der eigene Nachrichtenstrom filtern, z.B. zeige mir nur alle Nachrichten meiner Mountainbikefreunde.

Google+ Circles dienen damit sowohl als individuelle Eingangs- als auch Ausgangsfilter, die jedem Nutzer einen einfachen und je nach Bedarf differenziert, kontrollierten Nachrichtenaustausch ermöglichen. Die klassischen Social Software Effekte wie Ambient Awareness, Serendipity und Emergenz sind möglich und es lassen sind sowohl asymmetrische als auch symmetrische Beziehungen bilden. Die Konzepte der Informationsverteilung von Facebook als auch Twitter sind damit quasi als Spezialfälle enthalten (indem ich nur in einem Circle schreibe bzw. alle Nachrichten öffentlich mache).

Allerdings ist es derzeit nur möglich, konkreten Personen zu folgen, d.h. eine spontane wie auch dauerhafte offene Gruppenbildung über einen gemeinsamen Hashtag wie z.B. bei Twitter gibt es bisher nicht. Ob “Sparks” diese Lücke füllen kann bleibt fraglich, hier wird es sicherlich noch einiges an Entwicklung geben. Auch wäre eine Tag-Cloud mit zur Zeit aktuellen Themen denkbar.

Fazit: Google+ Circles bieten einen deutlichen Zugewinn an Flexiblität in der Informationsverteilung gegenüber den aktuellen Platzhirschen wie Facebook und Twitter. Ob dies allerdings den auschlaggebenden Grund für einen breiten Umzug (Stichwort “Crossing the chasm”) darstellt, wird die Zukunft zeigen, wobei hier natürlich noch zahlreiche weitere Faktoren (Integration, Nutzerfreundlichkeit, Plattformen etc.) Einfluss haben werden. Ich vermute jedoch, dass wir ein Circle-Modell bald auch in der einen oder anderen Form in diversen “Enterprise 2.0 Suiten” sehen werden, da sich dieses Modell gut für dynamische und kontrolliert offene Kommunikationsbeziehungen in einem Unternehmen eignet. Mit einer durchdachten Oberfläche sollte die Pflege der Kreise nicht aufwändiger sein als die Pflege der beliebten E-Mailverteiler und Mailinglisten.

Google Circles zeigt auch, dass wir in konzeptionellen Entwicklung von Modellen der effektiven und effizienten Informationsverteilung noch lange nicht am Ende sind. Ich bin mir sicher, dass wir hier noch einiges an interessanten Konzepten sehen werden, die natürlich dann, wie auch Google+, erstmal ihre Praxistauglichkeit über die Zeit unter Beweise stellen müssen. Denn auch wenn Social Media nicht nur eine Frage der Technologie ist, so sind es interessanterweise doch immer wieder neue technische Entwicklungen die als Impulsgeber bzw. Katalysator wirken.

P.S.: Eine gute visuelle Erklärung zu Google Circles findet sich in der Präsentation von Ross Mayfield, ein gutes HowTo mit vielen weiteren lesenswerten Links bei Elsua, alias Luis Suarez.

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Kategorien:Vernetze Welt
  1. 5. August 2011 um 13:19

    Ich finde die Google+ die Circles sehr nützlich. Genau diese Funktion (Gruppenmanagement) ist bei Facebook sehr gut versteckt und den meisten Nutzern gar nicht bekannt.

    LG, Alex

  2. 20. November 2012 um 11:00

    Nachdem Google+ auch zunehmend das Interesse von Unternehmen gefunden hat, stellt Mirko Lange von talkabout die berechtigte Frage, was die Circles in diesem Kontext bringen bzw. was sich hier ggf. ändern müsste: http://blog.talkabout.de/2012/11/19/google-circles-in-der-kommunikation-und-das-grose-versaumnis-von-google/

  1. 2. April 2012 um 21:29

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